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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
Entstehung
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nun diesen tüchtigen Dozenten gewähren zu lassen, entzogihm das Hassenpflugsche Ministerium die kacultas, theologischeVorlesungen zu halten (1850). Mich empörte das so, daßich auf seiner Stube mir mit zwei Jrvingianern ein Privatissi-mum über die älteste Kirchengeschichte lesen ließ. Aus diesemUnterricht ist dann das Buch von Thiersch über diese Epochehervorgegangen. Später hat Thiersch, der eigentlich nuräocencko produzieren konnte, wissenschaftlich nichts mehr geleistet.Obwohl er sich nach dem Sturze Hasseirpflugs noch in derphilosophischen Fakultät habilitieren durfte, hatte man ihmseine geistige Lebensader so kräftig unterbunden, daß sie ganzeinschrumpfte.

An seine Stelle berief man 1850 in die theologischeFakultät den bayrischen Landpfarrer Ernst Ranke , den jüngstenBruder Leopolds Ranke. Es war ein gutmütiger, damals aberwissenschaftlich wenig bedeutender Mann, der den besten Teilseines Wissens und Könnens allein der Schulpforte verdankte.Er war natürlich nicht imstande, Thiersch zu ersetzen, so daß derKampf der Meinungen über die Entstehung der Anfänge derchristlichen Literatur und des Urchristentums überhaupt um sorascher verstummte, da auch Zeller sich von dem Halten theo-logischer Vorlesungen bald ganz zurückzog.

Der geistvolle Kirchenhistoriker E. Henke, ein Schwieger-sohn und Schüler des Philosophen Fries, der jeder prinzipiellenEntscheidung über diese Probleme gern auswich, war nichtimstande, uns in dieselben einzuführen. So anregend sonstseine mit historischen Aphorismen und gelegentlichen philo-sophischen Betrachtungen durchsetzten kirchengeschichtlichen Vor-lesungen auch waren, so wenig vermochte er uns bestimmendzu leiten. Seine Einwirkung beschränkte sich auf einzelne,namentlich ästhetisch angelegte Naturen.

Neben diesen älteren, immerhin doch hochbedeutendenGelehrten, darf der Name von Johannes Gildemeister nichtvergessen werden. Denn er war ohne Zweifel der gelehrtesteund scharfsinnigste von allen. Einer wohlhabenden, streng