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kirchlichen Familie Bremens entsprossen, hatte er vorzugsweiseunter H. Ewald seine Studien gemacht. Mit großem Scharf-sinn, einer reichen Sprachbegabung ausgestattet, hatte er sichden orientalischen Sprachstudien in ausgedehntester Weise mitdem größten Erfolge zugewendet. Aber nicht nur in derarischen wie semitischen Philologie durchaus zu Hanse, hatte erdie Entwicklung der Theologie, jedoch ohne alles kirchlich-praktische Interesse, verfolgt. Er war dann als NachfolgerH. Hupfelds hier Professor der alttestamentlichen Theologiegeworden. Daneben las er aber über alle möglichen orien-talischen Sprachen und vergleichende Grammatik, so daß erspäter für diese Fächer als Lassens Nachfolger nach Bonn berufen wurde. Ihm war es nur um Erforschung der Wahr-heit zu tun und er arbeitete sich mit unglaublicher Raschheitin die ihm bis dahin entlegensten Gebiete ein. So z. B.in die Geschichte des heiligen Rocks zu Trier , wie in dieEntwicklung des Bekcnntnisstandes der hessischen Kirche. Durch-aus kritisch gerichtet, auch gegen sich selbst, hat er nicht all-zuviel produziert. Daher ist er in weiteren Kreisen nicht sobekannt geworden, wie einzelne seiner hiesigen Kollegen,während er sich bei seinen näheren Fachgenvssen bis auf denheutigen Tag des größten Rufes erfreut. Er war aber nichtnur ein großer Gelehrter, sondern auch ein guter Lehrer, beidem man wie bei kaum einem anderen wissenschaftliche Methodelernen konnte. Die große Gelehrsamkeit, die ihn auszeichnete,hatte ich später noch Gelegenheit, ganz kennen zu lernen, als ichunter ihm, der das geistige Haupt der Bibliothcksverwaltnngwar, als Repetent zu arbeiten hatte. Bei der ihm eigenenSchärfe und den großen Anforderungen, die er gelegentlichmachte, war er kein liebenswürdiger Vorgesetzter, wie dennLiebenswürdigkeit — wenn er auch durch große Gefälligkeit undWohltätigkeit sich auszeichnete — keineswegs seine starke Seitewar. Er konnte hassen und unerbittlich sein gegen alle Gegnerdessen, was er für Recht und Wahrheit hielt, wie ich keinenzweiten Menschen kennen gelernt habe.