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und dann nach dein Siege der Reaktionäre in Hessen hierunmöglich geworden. Er verließ daher Marburg und siedeltenach Bern über. Sein Professur war also frei. Mail be-setzte sie mit einem Dr. Ilse, einem nicht unbegabten, abermoralisch durchaus verworfenen, wenig unterrichteten journa-listischen Abenteurer, der sich Hassenpflug als literarischerSchildknappe angetragen hatte und nebenbei noch das Verdienstbesaß, der Schwager eines einflußreichen hohen Beamten in Kassel zu sein, dessen Schwägerin er als Student geheiratet hatte.Die Universität suchte sich dieses Kollegen natürlich zu er-wehren, der noch dazu ein Trunkenbold war. Aber es halfihr nichts; daß seine neuen Kollegen ihn schmählich behandelten,kümmerte den Realpolitiker nicht. Er war bei all seinemausgesprochenen Selbstbewußtsein froh, einen Unterschlupf ge-funden zu haben. Nach 1866, als er ein Parteigänger Bis-marcks geworden war, tauschte er mit dem Königsbcrger KollegenGlaser seinen Lchrstnhl, ist dann aber in Königsberg auf demDisziplinarwcge abgesetzt worden.
Eine andere Berufung, die Hassenpflug vornahm, warbesser, wenn auch gerade nicht besonders zweckmäßig. Diejuristische Fakultät war zweifelsohne die dürftigste der Hochschule.Die alten Herren, von denen einer noch aus der westfälischenZeit stammte, arbeiteten wissenschaftlich nichts mehr und lasenihre alten Kollegienhefte unverdrossen immer wieder von neuemab. Das Strafprozeßheft Löbells hat wenigstens fünf neueStrafprozeßordnungen Hessens überdauert; und die Kollegheftedes geistreichen und beliebten alten Platners waren so gelbund verbogen, daß sie kaum noch leserlich waren. Der Staats-rechtslehrer Vollgraff trug einen bösen Spitznamen nicht mitUnrecht; und der gelehrte Röstell lebte geistig immer mehrin Berlin und Rom als in Marburg . „Konrad" Büchel,der scharfsinnige Pandektist, war als ein eitler Fant, derjetzt mehr ins Weinglas als in die neue Literatur sah, einelustige Figur geworden. Als er vor 1848 einmal Rektorwar, hat ihn der freche 8tuck. jur. Heise, der spätere Heraus-