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Dieser Ausbeutung des Landes durch den Kurfürstenstand die Verfassung entgegen, durch die der hessische Staats-schatz festgelegt war. Ebenso wollte der Kurfürst aus dem Aus-sterbeu der Hcssen-Rotcnburgischeu Lnndgrafeulinie für sichuud seine Familie pekuniäre Vorteile herausschlagen und sichder Domänen, der sogenannten Rotcnbnrger Quart, bemächtigen.
Gegen dieses sein Vorhaben lehnte sich in Hessen eigent-lich das ganze Volk mit mehr oder weniger klarein Bewußt-sein auf. Den Kämpfen der Männer, die sich für konstitu-tionelle Theorien und für die Herstellung einer besserenEinigung Deutschlands erwärmten und stritten, schaute dieMehrzahl jahrelang mit Gleichgültigkeit zu. Da diese Män-ner aber auch gegen die Ausbeutung des Landes durch denKurfürsten und sein „Trudchcn" indirekt kämpften, so warensie der Zustimmung, auch der Kreise des Volkes sicher, diesich um die Politik nicht sonderlich kümmerten.
Der Radikalismus hatte zwar im Lande 1848 großeFortschritte gemacht und war infolge der Mißachtung, indie der Kurfürst durch seinen Charakter, seine ehelichen Ver-hältnisse und persönlich geraten war, im Jahre 185,0 zueiner Höhe gestiegen, daß er sich in seinen journalistischenÄußerungen in der „Hornisse" nicht mehr überbieten konnte.
Aber die große Majorität der Bewohner des Landesund der kleineren Städte wollte von diesen Ausschreitungeneines rabiat gewordenen Radikalismus doch nichts wissen. Dieim Grunde sehr konservative, langsame und schwer beweglicheBevölkerung, in der viel soldatischer Sinn erblich war, fandkeinen Geschmack an solchen Maßlosigkeiten, über die manWohl einmal lachte, sie aber eigentlich wenig in der Ordnungfand. Da in dem Volk noch seit alten Zeiten viel Rechtssinnlebendig war und man gern Prozessierte, so erschien ihm derStreit, den die Ständckammcr mit den wechselnden Ministerndes Kurfürsten um die Verfassung führte, als ein Rechts-streit, in dem schließlich das Oberapellationsgericht das letzteWort zu sprechen habe.