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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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lange unvergessen bleiben werden, so wäre es mit der Herr-lichkeit, wohl nicht des letzten Kurfürsten von Hessen , wohl abermit der Friedrich Wilhelm I. schon damals zu Ende gewesen.

Wenn ein lebendiges Bewußtsein von den Rechten undder Würde seiner fürstlichen Stellung für jeden Herrscherauch des kleinsten Staates ein notwendiges Requisit ist, soist doch die Überspannung dieses Gefühls überall Regierendenund Regierten zum Unheil, ja zum Fluche ausgeschlagen. Unddas namentlich in den deutschen Kleinstaaten, wo in Er-mangelung eines jeden politischen Sinnes für das MöglichePatrimoniale Anschauungen herrschend geblieben waren, diedoch überall mit den Bedürfnissen und Forderungen der mo-dernen Zeit in Konflikt geraten mußten. Wenn nun gardiese Bedürfnisse und Forderungen, man möchte hier fastsagen, durch einen glücklichen Zufall eine vollkommen legaleBasis gewonnen hatten, sich ihnen aber ein durchaus auto-kratischer Wille entgegenstellte und sie aus persönlichen Grün-den verneinte, so mußte ein nicht zu lösender Kampf aus-brechen. Tritt noch dazu, daß in der unmittelbaren Nähedes Thrones sich eine Gesinnung zur Geltung bringen durfte,welche nicht nur der fürstlichen, in mancher Beziehung selbstder bürgerlichen Respektabilität ermangelte, so kann man sichschon die Formen denken, in denen dann dieser Konflikt zur Er-scheinung kommen mußte. Das schlimmste aber ist, wenn einedurchaus autokratische, nicht auf das allgemeine Wohl ge-richtete Regierungsweise und der daraus erwachsene Kampfmit den Interessen der Regierten, von einer kleinen Minoritätderselben, die selbst gern mitregieren wollte, als ein Gottwohlgefälliges Tun, als eine wahrhaft fürstliche Gesinnunggepriesen und damit der Brand nur leidenschaftlicher ange-facht wird. Ein solch verzehrender Brand war über Kur-hessen mit der Regierung Friedrich Wilhelms I. gekommen.

Es hat wohl in neuerer Zeit in Deutschland kaum einenFürsten gegeben, der eine größere Vorstellung von seinenlandesrcchtlichen Rechten gehabt hätte, als Kurfürst Friedrich