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Wilhelm von Hessen. Nichts, was in Hessen mit der Regie-rnngsgcwalt nnr einigermaßen in Zusammenhang gebrachtwerden konnte, sollte in dem Lande ohne seinen Willen ge-schehen. Großes und kleines waren in gleicher Weise wichtigeStaatsangelegenheiten. Über Pläne für ein Ladenfenster inder Königsstraße in Kassel z. B. wollte der Kurprinz selbst ent-scheiden, wie über die wichtigsten Verfassungsfragen; nament-lich in allen militärischen Dingen sollte alles von seinerpersönlichen Entschließung abhängen. Es war nur eine Konse-quenz dieser Einmischung in kleinliche und kleinste Dinge,wenn er noch in den letzten Tagen seiner Regiernngszeit,wie wir aus einer authentischen Mitteilung ersehen, sich umdie Fntterration des Pferdes einer seiner Söhne mit demKriegsminister herumstritt. Von Hans eine stolze, durchauseigenwillige, starrsinnige Natur, war er in dem ehelichen Kon-flikte zwischen Vater und Mutter ausgewachsen und hatte alleKonsequenzen davon früh zu ertragen gehabt. Hatte bei ihmder Mangel einer wirklichen gründlichen Bildung und Er-ziehung manche gute Naturanlage vielleicht nicht znr Reifekommen lassen — er besaß z. B. ein recht gutes Gedächtnisund war auch nicht ohne treffendes Urteil —, so hatten dietraurigen Erlebnisse seiner Jugend seinen Charakter schonfrüh verdüstert und ihn mißtrauisch gegen alle Welt gemacht,die nur darauf ausgehe, ihm seine Herrscherbefngnissc zu be-schneiden und ihn zu hintergehen. Am schwersten empfand eraber die Einschränkungen seiner fürstlichen Macht, welche ihn,die von seinem Vater verliehene Verfassung des Jahres 183lauferlegte. Daß durch sie auch das große Staatsvcrmögcnzur Hälfte für rein staatliche Zwecke reserviert war, ertruger von Anfang an um so schwerer, als er seit der Bestellungznm Mitregcnten des Landes keine allzu große Revenne besahund damals noch Neigung zu fürstlicher Repräsentation hatte.Durch seine ganze Regiernngszeit zieht sich daher ein stilleroder offener Kampf gegen die Verfassung und für die Wieder-erlangung jener abgetretenen Millionen. Nin diesen zu führen,
Hartwig, A»S dem Leben. 24