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W. L. SCHREIBER
macher in den Lyoner Steuerbüchern tailleurs de molles de cartes genannt, währendder Ausdrude graveur en tailles de bois erß 1483 vorkommt. 3
Etwas deutlicher drückt (ich der allerdings erß aus fpäterer Zeit ftammende und überdiesin verfchiedenen Punkten mit den hißorifchen Thatfachen im Widerfpruch flehende Be-richt der Cölner Chronik v.J. 1499 aus, in dem über die Buchdruckerkunß u. A. gefagtwird : Item wie wail die kunst is vonden tzo Mentz als vurss vp die wijse, als dan nugemeynlich gebruicht wirt, so is doch die eyrste vurbyldung vonden in Hollant vyss denDonaten, die daeselffst vur der tzijt gedruckt syn. Ind va ind vyss den is genömen datbegynne der vurss kunst. ind is vill meysterlicher ind subtilicher vonden dan die seluemanier was, vnd ye lenger ye mere künstlicher wurden Hier wird alfo zwifchen den„gedruckten“ Holländer Donaten und den Mainzer Drucken ein ftrenger Unterfchied ge-macht; zwar (ollen die erfteren als Vorbild gedient haben, aber die neue Kunß wurdeviel meifterlicher „erfunden“ und gelangte unter den Händen des Erfinders, den derChroniß „jonckerJohan Gudenburch“ nennt, zu immer größererVollkommenheit. Leiderhat es auch diefer Chronift nicht der Mühe werth erachtet, die Herftellungsart und dasAusfehen der vorgutenbergfehen Druckwerke zu befchreiben, fodaßwirverfuchen müffen,uns auf anderem Wege ein Bild derfelben zu verfchaffen.
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts begann eine neue Epoche des Geifteslebens: eineUniverfität wurde nach der anderen begründet; Schulen, die nicht nur von Kindern,fondern auch von Erwachfenen befucht wurden, wurden allenthalben eingerichtet; Fürftenund Herren legten auf ihren Schlöffern Bücherfammlungen an, und in den Klößern er-wachte die Geiftesthätigkeit zu neuer Frifche. An diefer Umwälzung hatten der (ich hebendeWohlßand und die rafch fich ausbreitende Papierfabrikation nicht unwefentlichen Antheil.Der hohe Preis der Bücher und des Schreibmaterials hatte in früherer Zeit die Befchaffungderfelben erfchwert, fo daß der Schulunterricht den Schwerpunkt auf das Auswendiglernenlegen mußte; je^t ließ fich die Fertigkeit im Lefen und Schreiben viel leichter erwerben,und wer fich erft einmal damit vertraut gemacht hatte, wollte auch einige Bücher als Eigen-thum befitjen. Deswegen ßieg nicht nur die Nachfrage nach Schulbüchern, fondern auchnach Bibeln, Erbauungsbüchern, naturwiffenfchaftlichen Werken, Kalendern und fonftigenvolkstümlichen Schriften, fo daß Schreiber,Schullehrer, Notare und andere des Schreibenskundige Leute fich dem Bücherabfchreiben als einer neuen Einnahmequelle zuwendeten,ja in Italien fowohl als am Rhein Schreibwerkftätten entftanden, welche wiffenfchaftlicheund populäre Werke in Maffen anfertigten.
Diefe überftürzte Bücherfabrikation hatte natürlich ihre gewaltigen Nachtheile. BeiVolksfchriften, namentlich Gedichten, können wir häufig feftftellen, daß der Schreiberüberhaupt keine Vorlage hatte, fondern den Text aus dem Gedächtniß niederfchrieb.Doch felbß wiffenfchaftliche Werke wurden nicht feiten nur nach dem Dictat niederge-fchrieben, und an einzelnen Univerfitäten war den Magißern ausdrücklich gewährleißet„scribentibus pronunciare.“ Dazu kam fchließlich noch, daß auch Leute mit unzureichenderBildung das Abfehreiben übernahmen, fodaß die damals meiß aus Geißlichen undjurißenbeßehende Gelehrtenwelt in laute Klagen über die zunehmende Fehlerhaftigkeit derTexte ausbrach. Eine befchleunigtere oder billigere Herftellung der Bücher war daheram allerwenigften erwünfeht; man forderte vielmehr correcte Abfchriften, felbß wenn ßetheurer waren.