VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.
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Halten wir dies fe(l, fo ergiebt (ich, daß die Grundidee der mechanifchen Buchverviel-fältigung ausßhließlich das Ziel angeßrebt haben kann, eine möglichß große Anzahl fehler-freier und gleichlautender Exemplare herzußellen. Daß (ich das mit Hilfe beweglicherTypen erreichen laßen werde, konnte Niemand vorausfehen, vielmehr mußte der Ge-danke vorfchweben, daß eine unveränderliche Druckfläche nur aus unbeweglichemMaterial hergeßellt werden könne. Wir werden daher, der Scheidung der Cölner Chronikentfprechend, annehmen dürfen, daß (ich der niederrheinißhe Buchdruck auf die Her-ßellung unveränderlicher, zum Abdruck geeigneter Platten befchränkte, 4 während Guten-berg erß nach jahrelangen Mühen, Arbeiten und Erfahrungen das Geheimniß entdeckte,Bücher mit beweglichen Typen zu drucken.
In Uebereinstimmung mit diefen Ausführungen hat man auch ßhon feitjahrhundertenden Plattendruck als den Vorläufer der Buchdruckerkunß bezeichnet; nur nahm manirriger Weife an, daß derfelbe von Holztafeln erfolgt fei, obßhon man (ich bei ruhigerUeberlegung hätte fagen können, daß wenigßens der Cölner Chroniß keinesfalls denHolzplattendruck gemeint haben kann. Die Cölner Chronik felbß iß nämlich mit hundertenvon Holzßhnitten geßhmückt. Iß es da wohl denkbar, daß der Verfaffer (ich fo weit-fchweifig ausgedrückt und fich ausdrücklich auf den bekannten Cölner Buchdrucker UlrichZell als Gewährsmann berufen haben follte, wenn er hätte fagen wollen „in Holland wurden ganze Bücher, wie heute die Buchilluftrationen in Holz gefchnitten?“ — Ja,wir werden weiterhin fehen, daß Holztafel - Druckwerke vereinzelt noch im 16. Jahr-hundert erßhienen, fo daß derVerfaffer der Cölner Chronik (ich nur auf ße zu beziehenbrauchte, wenn er Xylographie im Sinn gehabt hätte.
Auf der irrigen Anßcht fußend, daß der Holztafeldruck die Vorßufe der Buchdrucker-kunß fei, bildete ßch dann das Märchen aus, der Erfinder habe eine in Holz gravirte Text-platte auseinandergefchnitten und mit den fo erlangten einzelnen Holztypen feine erßenDruckverfuche gemacht. 5 Zwar iß diefe Annahme fchon mehrfach bekämpft worden, dochhat man bisher überfehen, daß ße lediglich auf der unbewiefenen Vorausfetjung beruht,die Dicke der damals zum Graviren benutzten Holzplatten habe der Höhe der beweglichenTypen entfprochen. Für die letzteren mußte Gutenberg im Laufe der Verfuchszeit eineNormalhöhe ausfindig machen, denn zu hohe Typen ßellen ßch während des Druckes inder Form leicht ßhief(„ftürzen ßch“), während ße doch eine folche Länge haben mußten,daß ße der Se^er bequem mit Daumen und Zeigefinger faffen konnte. Derartige Rück-ßchten fielen für die Holzplatte gänzlich fort, denn ße ließ ßch gleich gut graviren, ob ße10 oder 30 mm ftark war. Für die zum Zeugdruck beftimmten, ziemlich großen Tafelnmag ßch vielleicht ein gewiffes Durchfchnittsmaß herausgebildet haben; für die zum Bild-druck benutzten Platten, die ßch ein jeder Formfehneider wohl felbß zurecht machenmußte, lag aber keine Veranlaffung zu einem folchen vor. Ich werde weiterhin erörtern,daß die Metallfchnittplatten jener Epoche nur eine Stärke von 6 mm hatten und daß man,als ße gleichzeitig mit Typen für den Buchdruck verwendet werden follten, ßch in derWeife helfen mußte, daß man ße auf Holzblöcke aufnagelte und ihnen dadurch die nöthigeHöhe verfchaffte. Von Holzplatten der Frühperiode habe ich bisher nur zwei prüfenkönnen. Die Donatplatte im Mufeum Meerman-Weßreenen, welche ihre urfprünglicheDicke zweifellos bewahrt hat, da auf der Rückfeite eine bildliche Darßellung aus jenerZeit eingefchnitten ift, hat nur eine Stärke von 21 mm; die Donatplatte der Bibliotheque