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Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg / im Auftr. d. Stadt Mainz hrsg. von Otto Hartwig
Entstehung
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VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.

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der Erklärung nur vergrößert, je mehr Originale ich geprüft habe. Mir fcheint ein hartesInßrument, wie es der Reiber gewefen fein foll, am allerwenigßen geeignet, tiefe Ein-preffungen hervorzubringen. Ich vermuthe vielmehr, daß der Druck auf einer Handpreffeerfolgte und daß man auf den Drudebogen Filz oder ähnliches weiches Material auflegte.Befand fich die mit der gravirten Seite nach oben liegende und mit Druckfarbe verfeheneHolzplatte auf dem Boden der Preffe und wurde dann das Papier fowie die Filzplattedarauf gelegt und der Preßtiegel durch einen Hebel oder dergleichen herabgedrückt, fokönnte wohl die tiefe Einpreffung entßanden fein. Möglich wäre allerdings auch, daßman damals fchon das einfache, heute noch übliche Bürßenabzugverfahren oderAb-klopfen angewendet hat, da farblofe Drucke, wie fie bei der Verwendung von Deck-blättern entßehen, fchon verfchiedentlich gefunden worden find.

Für die Zeitbeßimmung der uns jetjt befchäftigenden Gruppe laffen ßch folgende Datenverwerthen: Ein Exemplar einer der früheften Ausgaben der Biblia pauperum befindetfich in einem Einbande mit der eingepreßten Jahreszahl 1467, während die erße Ausgabein deutfeher Sprache, wie wir bereits erörtert haben, 1470 erfchien; der Gamundia-Ka-lender trägt die Jahreszahl 1468 und mit einem Künftler-Monogramm bezeichnet, dasauf den Sibyllen-Weisfagungen wiederkehrt; ein in Paris befindliches Exemplar desCanticum Canticorum mit der handfchriftlichen Jahreszahl 1470 verfehen, das auf derMünchener Univerßtätsbibliothek vorhandene Exemplar der erßen Ausgabe des Specu-lum humanae salvationis trägt in gleicher Weife die Jahreszahl 1471 und dem Grotesken-Alphabet ift von dem Holzfchneider die Jahreszahl 1464 hinzugefügt. Mit ziemlicherSicherheit werden wir alfo das Erfcheinen diefer Perlen der Blockbuchlitteratur in denZeitraum von etwa 14641471 fetjen können.

Es gebricht an Raum, auf die Einzelheiten diefer Werke und ihrer zahllofen Copieeneinzugehen; nur das Speculum humanae salvationis hat eine zu große Rolle in der Litte-ratur über die Erfindung der Buchdruckerkunß gefpielt, als daß feiner nickt wenigßensmit einigen Worten Erwähnung geßhehen müßte. Es unterßkeidet fich nämlich dadurchvon den anderen aufgezählten Werken, daß in drei der vorhandenen vier Auflagen derText typographißk hergeftellt ift, während in der übrigbleibenden ein Drittel der Seitenin Holz gefchnitten, der Reft aber ebenfalls mit beweglichen Typen gedruckt ift. DiefeSonderbarkeit hat vor drei und ein halb Jahrhunderten die Vermuthung angeregt, daßdie letjtgenannte Auflage die früheße von allen fei und daß der Herausgeber währendder Herßellung das Geheimniß der Buchdruckerkunß entdeckt habe. So wurde diefes,noch in einer ziemlicken Anzahl von Exemplaren erhaltene Werk zum Grundftein fürdie Haarlemer Anfprüche und galt als untrüglicher Beweis für das Wirken Laurenz Coßers.Ottley zerftörte aber 1816 diefen Trugßhluß, indem er auf Grund der an den Holzftöckenßchtbaren Abnutjungen nackwies, daß die in Rede ßehende Auflage nickt die erße, fonderndie dritte fei. Für die Erfindung der Buchdruckerkunß laffen fick mithin keinerlei Schlüffeaus diefer eigenartigen Auflage ziehen, vielmehr muß irgend eine Störung in der Druckereieingetreten fein, für welche als Nothbehelf der Holzfchneider eintrat. Inzwifchen hatBradshaw den Wahrfcheinlichkeitsbeweis geführt, daß das Speculum zwifchen 1471 und1474 gedruckt fei, und Wyß hat deffen Gründe noch vermehrt, fo daß die dem MünchenerExemplar beigefügte Jahreszahl 1471 annähernd als Druckjahr aufgefaßt werden darf. Eshandelt fich alfo nur um ein illußrirtes typographifches Werk, wie folche um diefelbe