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Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg / im Auftr. d. Stadt Mainz hrsg. von Otto Hartwig
Entstehung
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VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.

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gegen mit großer Mühe verbunden, da die Technik eine eigenartige Mifchung vonTiefgravirung (Kupferßich), von Relieffchnitt (Holzfchnitttechnik) und von Punzenarbeitbildet. Die Umriffe der Figuren und die hauptfächlichßen Falten ihrer Gewänder bliebenerhaben flehen und erfchienen deswegen auf dem Papierabzug fchwarz. Zartere Linien,Ornamente, die Vegetation des Erdbodens, landfchaftliche Staffage und was für unsdas Wichtigfte die Infchriften wurden mit Stichel oder Meffer vertieft und zeigten(ich daher weiß. Die Gewänder aber wurden, um ein ßoffartiggeblümtes Ausfehen zubekommen, durch Schläge mit Punzen, deren früheße nur kleinere oder größere Kreife,die fpäteren aber auch Sterne, Wappenlilien u. dergl. zeigen, aufgehellt. Die Härte desMaterials erfchwerte das Fortfehneiden des Hintergrundes, wie es bei dem Holzfchnittangewendet wurde. In Folge deffen lichtete man, wenn eine Landfchaft dargeftellt werdenfollte, den Hintergrund durch diagonal gerichtete Schnittlinien, fo daß die Atmofphäre wiedurch einen Regenfchauer gefüllt erfchien, oder man bedeckte ihn mit blumentragendenRanken oder einer rautenförmig gemußerten Tapete.

Als vorläufiges, aber für unfere Zwecke doch recht wichtiges Ergebniß ffellt (ich ausdiefem Vergleich heraus, daß Texte in Metallplatten ßets vertieft gravirt wurden, gleich-viel ob diefe für den Kupferftich- oder für den Metallfchnittdruck beßimmt waren.

Während die Wiege des Holzfchnitt-Bilddrucks, wie fchon gefagt, in der Nähe derAlpen geßanden haben muß, müffen wir den Niederrhein als die Heimath der Erfindunganfehen, Papierabdrücke von Metallplatten zu nehmen. Auf die Autorität Vasaris hin,hatte man feit der Mitte des 16. Jahrhunderts Italien als das Urfprungsland des Kupfer-ftichs betrachtet, dann führten die Unterfuchungen v. Heineckens zu der Annahme, daßdem füdweftlichen Deutfchland die Ehre der Erfindung gebühre, aber die Forfchungender beiden lebten Jahrzehnte weifen auf das Land, in dem einß die Bataver häuften. Dieälteften uns erhaltenen Kupferftiche ftammen von der Hand desSpielkarten-Meifters,der gegen 1440 feine Thätigkeit begonnen zu haben fcheint; ihm folgte um 1445 derMeißer der Liebesgärten und anfeheinend nicht viel fpäter derErasmus-Meißer.Diefe drei Künftler geben (ich durch das Koftüm der von ihnen dargeßellten Figuren unddurch die Art ihrer Zeichnung als niederrheinifche Meißer zu erkennen. Bei dem erß-genannten wäre es vielleicht nicht ausgefchloffen, daß er auf niederdeutfehem Boden thätigwar; die beiden anderen haben aber wohl zweifellos in den Niederlanden gearbeitet.Unter den deutfehen Arbeiten eine Pafßon mit der Jahreszahl 1446, die in ihrerganzen Weife lebhaft an die Metallfchnitte erinnert, die ältefte. An ße fchließen ßch dieArbeiten desMeißers von 1462 und des anfeheinend in Mainz thätig gewefenen MeiftersE.S, deffen früheße Werke um 1450 entßanden fein mögen . 14

Hierdurch gewinnt eine von Renouvier bereits vor vierzig Jahren ausgefprochene Ver-muthung, daß die Kupferßechkunft von dem Goldfehmiede Hans Steclin (oder Stechin)erfunden worden fei, nicht unwefentlich an Gewicht. Er berief ßch auf Jean Lemaire(t 1524), der in feinerCouronne margaritique fagt: Car chacun scait la main fortprompte et seure De Hans Steclin, qui fut ne a Coulongne, und eben diefer Steclin1438 in den Archivrechnungen von Lille bezeichnet alsdemourant ä Valenciennes, dem-felben Orte alfo, der bei den Doctrinalien jettes en molle eine fo wichtige Rolle fpielt.

Noch viel weniger wiffen wir von der Gefchichte des Metallfchnitts. In dem zweitenViertel unferes Jahrhunderts kannte man nur fo wenige Drucke diefer Kunßgattung, daß