VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.
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(lieh 18 obwalten, und fehen, da ß die mühfeligere Kunft durch die vereinfachte verdrängtwurde. Als Mittelpunkt diefer Metall-Grabplatteninduftrie ift anfdieinend Lübeck zubetrachten, von wo aus fich die Technik über das ganze nördliche Deutfchland bis nachDänemark, Schweden und Finnland einerfeits und über die Länder des Niederrheinsbis nach England andererfeits verbreitete.
Und Lübeck ift es auch, aus dem uns die erfte urkundliche Nachricht über zum Zweckedes Bilddrucks hergeftellte Metallfchnitte erhalten ift. 19 Am 20. Auguft 1459 verpflichtetefich ein gewiffer Bertold Borfteld (der Name Borfteld kommt fpäter unter den LübeckerGoldfehmieden vor) dem Hans Leiden, dem er 100 Mark Lübifch fchuldig war, zehnBilder in Kupfer zu fchneiden (to snyden teyn stucke koppers). Das eine follte „ dat cruce “(der Gekreuzigte zwifchen Maria und Johannes), ein zweites das jüngfte Gericht und eindrittes die Hiftorie von Troja darftellen, während die übrigen fieben anfdieinend eineSerie bildeten. Borfteld mußte verfprechen, „alle dese stucke ok nyn nummer na tomakene efft laten maken vnd ok nicht aff to setten effte sette latten to vorkopende effteto vorghevende,“ auch fich verpflichten „alle stucke (Abzüge) mit den kopperen to leve-rende (abzuliefern).“ Diefer in fo mannigfacher Beziehung überaus wichtige Vertrag läßtkeinen Zweifel, daß Leiden ein Kunftverleger war, daß es dem Kunfthandel jener Tagenicht mehr an Gefchäfts-Erfahrung gebrach und daß der Metallfchnitt bereits eingebürgertwar. Thatfächlich hat fich auch ein Metallfchnitt mit der Jahreszahl 1454 erhalten; währendes andererfeits allerdings nicht möglich ift, von einem der übrigen auf uns gelangten Ab-drücke zu behaupten, daß er vor der Mitte jenes Jahrhunderts entftanden fei.
Einen Beweis, wie verbreitet diefe Blätter im nordöftlichen Deutfchland gewefen feinmüffen, liefern noch heute die alten Inkunabelbeftände der Königsberger Univerfitäts-Bi-bliothek, der Allerheiligen-Bibliothek der Marienkirche zu Danzig , der Klerikalfeminar-Bibliothek zu Pelplin, der Univerfitäts-Bibliothek zu Leipzig und der Marien-Bibliothekzu Halle, in denen man eine nicht unbeträchtliche Zahl fchöner großer Metallfchnitte, da-gegen faft gar keine Holzfchnitte eingeklebt fand. Auch fonft haben fich wohl Metallfchnittemit eingravirtem Text in nieder- oder mitteldeutfcher Mundart erhalten, aber keine folchemit ausgefprochen fchwäbifchem oder bayrifchem Dialekt.
Daß der Metallfchnitt in den niederrheinifchen Städten ebenfalls gepflegt wurde, flehtaußer Zweifel; wenigftens können mit ziemlicher Sicherheit Cöln, Mecheln und Gentals folche bezeichnet werden. In Frankreich gelangte der Metallfchnitt zu einer reichenNachblüthe, von der uns die gefchmackvollen Illuftrationen der berühmten Parifer„Heures“ genugfam Kunde geben. — Aber auch den Rhein hinauf hatte die Metall-fchneidekunft — und zwar fchon fehr früh — ihren Weg gefunden. Die älteften und her-vorragendften der uns überhaupt erhaltenen Metallfchnitte wurden 1804 von dem Bene-dictinermönch Maugerard in der Stadt Mainz und deren Umgebung gefunden und bildenjeßt einen Schatj der Bibliotheque Nationale; 20 andere bedeutfame Blätter wurden ausExemplaren der 42zeiligen Mainzer Bibel losgelöft.
Dürften diefe Ausführungen als Beweis genügen, daß Kupferftich und Metallfchnitt anbeiden für die Erfindung der Buchdruckerkunft in Frage kommenden Centren, Mainz und die Niederlande , bekannt waren, fo muß ich jetjt einer Frage näher treten, für welcheerft die Kunftforfchung des lebten Jahrzehnts einige Anhaltspunkte geliefert hat, nämlichder Herftellung von Büchern mit Hilfe von Kupferftichen oder Metallfchnitten.