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„Bairisch“ die „kühle Blonde“ nicht verdrängen könnenWeissbier ist ein moussirendes, in heissen Sommer-tagen ganz probates, nur in Cholerazeiten etwas ge-fährliches Getränk. Um es überhaupt trinken zukönnen, muss man mindestens zehn Jahre in Berlin gelebt haben. Um es mit Geschmack zu trinken,
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muss man in Berlin geboren sein. Dem Fremden,dem Anfänger erscheint es wie Lehmwasser, und esschmeckt ihm auch nicht besser. Dem geborenen Ber-liner dagegen dünkt es Champagner; als gewitzter undvorsichtiger Mann vergisst er aber doch nicht, aufdie „kühle Blonde“ stets eine „Strippe“, das ist denlandesüblichen Gilka oder Kümmel zu setzen.
October 1871 traten die Weissbierbrauer zusammen,und erklärten, die „übliche Babatt-Tonne“ nicht mehrgewähren zu wollen. Alsbald versammelten sich imgrossen Saale des Handwerkervereins die Wcissbier-Schänker und Weissbier-Verleger*), sprachen ihremoralische Entrüstung aus und verpflichteten sicli aufEhrenwort zu einem gemeinsamen Strike. Nach einigen
*) AVer in Berlin mit Bier in Flaschen oder Kruken han-delt, heisst „Bier-Verleger“; und es giebt hier auch „Milch-und Sahne-Verleger“ oder „Milch- und Sahne-Büreaux“.
V.