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der Getreidebörse, und beide sind von den Sitzreihender Handelsfirmen durchzogen.
Zwölf Uhr.
Der Saal ist gefüllt, die officielle „Börse“ hat be-gonnen. Wir blicken auf ein Meer von Köpfen, theilsvoll von meist dunkeln blanken oder wolligen Locken,theils gelichtet und kahl und erglänz'end wie silbernerMondschein. Unten sind Tausende von Lippen in Be-wegung; man spricht, man ruft, man schreit — aberwir verstehen kein Wort. Nur ein Murren, ein Mur-meln klingt herauf, und schlägt gegen die Wände undschlägt bis zur Decke. Was ist dagegen das Gemurmel,welches wir beim Gastspiel der Meininger, im „Fiesco“hörten; das künstliche Gemurmel des aufgeregten Volks!Ein. schwaches, fragwürdiges Summen. Hier dagegenhaben wir Natur und Kraft, hier redet Israel in be-geisterten Zungen, in den unnachahmlichen eigenartigenKehlhauchen und Gaumenlauten. Es rauscht wie derWald vor dem ausbrechenden Gewitter, es braust w r iedie See nach dem Sturm.
Wir starren hinab und suchen nach einem bekann-ten Gesicht. Plötzlich entdecken wir Herrn Cohn;und der Zufall will, dass auch er uns bemerkt. Ergrüsst und nickt, er lächelt und winkt, und wir eilen