Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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16 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur uud Methode.

zügcn ähnliche körperliche und seelische Eigenschaften haben. Je niedriger die Kultureines Stammes und Volkes, je weniger Klassen-, Bildungs- und andere Gegensätze inihm sind, je gleichere Lebensbedingungen alle beherrschen, desto homogener, unterschieds-loser Pflegen die Glieder einer Gemeinschaft in ihren Gefühlen, Interessen, Vorstellungenund Sitten zu sein. Und wenn mit höherer Knltnr, mit Klassen- und Bildungsgcgen-sätzcn, mit Rassenunterschiedcn im selben Staate die persönliche Verschiedenheit wächst,so bleiben doch gewisse wesentlich bestimmende Einflüsse für alle oder die meisten Menscheneiner socialen Gemeinschaft dieselben, und es wächst mit Sprache, Schrift und Litteratur,mit dem ganzen geistigen Leben der einheitliche Strom der psychischen Beeinflussung,der immer wieder, was social so wichtig ist, die zunehmende psychologische Rassen- unddie wirtschaftliche VermögenSvcrschiedenheit zu überwinden sucht. Und gerade damitentstehen die für alles gesellschaftliche Leben so wichtigen einheitlichen Stimmungs- undBewußtscinskrcife, welche wir als geistige Kollektivkräfte bezeichnen. Sie reichen so weit,als die Einheit der Ursachen und der geistigen Strömungen und Kontakte.

Es müssen sich in der einfachsten und kleinsten, wie in der größten und kompli-ziertesten Gesellschaft, je nach der Übereinstimmung der körperlichen und geistigen Eigen-schaften, je nach Berührung und Verbindung und je nach der Stärke des psychophysischenApparates, der das geistige Leben vermittelt, kleinere und größere Kreise bilden, welchedurch ähnliche oder gleiche Gefühle, Interessen, Vorstellungen und Willensimpulse ver-einigt sind, trotz aller Verschiedenheit im einzelnen. Die Kreise liegen teils in konzentrischenRingen übereinander, teils in excentrischen, sich schneidenden und berührenden neben-einander. Sie sind in steter Bewegung und Umbildung begriffen, stellen Kollektiv-kräfte dar, welche das sociale, wirtschaftliche, politische, litterarische, religiöse Leben be-herrschen. Nicht einen objektiven, unabhängig von den einzelnen und über ihnenwaltenden, sie mystisch beherrschenden Volksgeist giebt es, wie die historische Rcchtsschulelehrte; ebenso wenig einen allgemeinen Willen, der in allem übereinstimmte, wieRousseau träumte. Aber es giebt in jedem Volke eine Reihe zusammengehöriger,einander bedingender und nach einer gewissen Einheit drängender Bewußtseinskreise, dieman als Volksgeist bezeichnen kann. Auch mit dem Namen des objektiven Geisteskönnen wir die Gesamtheit dieser geistigen Massenzusammenhänge, die von den kleinstenKreisen der Familie und der Freundschaft hinausreicht bis zur Menschheit, bildlich undim Gegensatz zur Psyche der einzelnen benennen- Man muß ihn nur richtig verstehen,sich erinnern, daß er nicht außerhalb der Individuen, sondern in ihnen lebt, daß jedesIndividuum mit einem größeren oder kleineren Teil seines Selbst Bestandteil mehrereroder vieler solcher Kreise, solcher Teile des objektiven Geistes ist.

Sie äußern sich nun als Gefühls-, Vorstellungs- und Willensübereinstimmungund werden dadurch zu Kräften eigentümlicher Art. Ihre Wirksamkeit ist deshalb eineso große, weil das Gefühl oder das Bewußtsein der Gemeinsamkeit jeden geistigenVorgang merkwürdig verstärkt und befestigt. Jedes Gefühl wird lebendiger durch dasBewußtsein der Teilnahme anderer; jede Vorstellung im isolierten Individuum fühltsich schwach und kümmerlich; jeder Mut des Willens wächst durch den Erwerb voneinem oder wenigen Genossen. Je roher, je weniger kulturell entwickelt ein Mensch nochist, desto weniger kann er ertragen, allein mit einer Idee oder einem Plan zu stehen.Was zehn glauben, nehmen leicht weitere hundert an. Was Hunderte glauben, wirdleicht ohne Prüfung das Lofungswort für Tausende und Millionen. Die rechteAutorität und die rechte Empfänglichkeit vorausgesetzt, ballen sich die geistigen Kollektiv-kräfte lawinenartig zusammen. Die Übereinstimmung erzeugt Kräfte, welche die bloßeSummierung unendlich übertreffen. Die Mehrzahl der Menschen schließt sich, ohneim einzelnen prüfen zu können, den Bewußtfeinskreisen an, die für sie durch Abstammung,Eltern, Freunde oder andere Autoritäten die gegebenen sind. Die Macht der Ideenhängt Wohl auf die Dauer von ihrer Wahrheit und Brauchbarkeit, vorübergehend stetsnur von der Zähl ihrer Bekenner ab.

Man hat den Vorgang auch durch einen Vergleich aus dem individuellen Seelen-leben verdeutlicht. In der Seele jedes Menschen schlummern unzählige Vorstellungen,