Die Bildung und Wirkung einheitlicher Bewuütseinstreise,
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nur die jeweilig stärksten erheben sich aus diesem psychischen Untergründe und tretenzeitweilig über die Schwelle des Bewußtseins. So, hat man gesagt, besitzt auch jedemenschliche Gemeinschaft eine Bewußtseinsschwelle. Nur einzelnes, das Bedeutendereerhebt sich über diese gemeinsame Schwelle und verbindet nun die betreffenden Individuen.Mancherlei, was in den einzelnen vorgeht, strebt nach Erhebung über die gemeinsameSchwelle. Aber nur das Erhebliche vermag, in dem Wettkamps der um die Schwellesich drängenden Vorstellungen, meist nach langem Ringen und Streben, emporzukommen,nur das Bedeutsame und Große kann sich dauernd da erhalten.
Aus dem Kampfe und der Reibung der Geister gehen so die Bewußtseinskreiscund geistigen Kollcktivkräste stets neu hervor. Es kann keinen solchen Kreis geben ohneAutoritäten, ohne einen mehr aktiven, führenden und bestimmenden Teil und einen mehrpassiv aufnehmenden, folgenden und geleiteten. Nirgends ist die demokratische Fiktionvon der Gleichheit aller unwahrer als in diesem freiesten Spiel geistiger Accomodation.Wenn nichts anderes, bestimmt in stabilen Verhältnissen das Alter die geistige Autorität:die über 4V—5V Jahre alten Männer mit ihren nicht mehr schwankenden befestigtenÜberzeugungen beherrschen die Frauen und die jüngeren Männer. So haben schonhiedurch in der Regel die geistigen Kollektivkräfte ein gewisfes befestigtes, nicht allzuschwankendes Dasein. Aber stets sind sie auch durch den Wechsel der Generationen,durch das Empordringen jüngerer Kräfte und neuer Ideen, einer Umbildung undRegeneration unterworfen. Aus der Wechselwirkung zwischen den Alten und den Jungen,zwischen absterbenden und neu sich bildenden Bewußtseinskreisen, zwischen führendenGeistern und geführten Massen beruht alles geschichtliche Leben, alle Änderung derSitten, sowie der rechtlichen und volkswirtschaftlichen Institutionen. Nur wenn mansich über dieses nie ruhende Spiel der geistigen Massenbewegungen klar ist, begreiftman, wie die großen Ideen langsam emporkommen, dann aber für Jahre, oft fürJahrhunderte und Jahrtausende die Herrschaft behaupten, wie die scheinbar vielköpfigenMengen von Tausenden und Millionen Menschen nicht das Schauspiel eines krausenChaos' und Wirrwarrs aufführen, fondern als Glieder großer geistiger Einheiten zuTausenden geschart in einheitlichen klar zu überblickenden Richtungen sich bewegen.
In jedem socialen Körper wird man die vorhandenen Elemente zu solchenKollektivkräften geschart nicht unschwer erkennen können, Sie erscheinen als Mittel-nrsachen zwischen den Individuen und den großen Einrichtungen der Gesellschaft, wieStaat, Kirche und Volkswirtschaft. Nur ein Teil dieser Kräfte krystallisiert sich in festenInstitutionen, ein anderer behauptet ein gleichsam formlofes Dasein, dokumentiert sichaber doch in Erscheinungen, wie die sociale Klassenbildung, die geselligen Kreise, diepolitischen und andere Parteien, die Schulrichtungcn in Kunst und Wissenschaft, dieBeziehungen des Marktes, der Kundschaft, der Klientel. Ein jeder einheitliche Be-wußtseinskreis wird sich in übereinstimmenden Werturteilen äußern, die leicht zu fest-stehenden Weltmaßstäben sich verdichten und so längere Zeit das Urteil auf dem Markte,in der Politik, in der Gesellschaft beherrschen. Dieser Art ist vor allem neben demwirtschaftlichen das sociale Werturteil bestimmter Kreise, das sich in der Ehre ausdrückt.Die Ehre ist objektiv das sociale Gcschätztwerdcn durch größere oder kleinere gesellschaft-liche Kreise; sie äußert sich subjektiv in dem Bedürfnis des einzelnen, geschätzt sein zuwollen; die Ehre wird so zu einer der stärksten masscnpsychologischen Kräfte.
Natürlich unterscheiden sich diejenigen geistigen Kollektivkräfte, die nur einen losen,unorganisierten Massenzusammenhang darstellen, von denen, welche aus sich heraus eineorganisierte Spitze, eine korporative Verfassung erzeugt haben und durch diese Ein-richtungen nun Stärkung und Nahrung erhalten. Aber andererseits dars man auchnicht übersehen, daß die freiesten und losesten gesellschaftlichen Masscnerfchcinungen unddie sestesten Einrichtungen des Rechtes und des Staates zu ihrer letzten Voraussetzungdieselben geistigen Massenprozessc haben. Die sreieste Sekte und die katholische Kirche ,die sreieste Republik und der eentralisierteste Despotismus, die Volkswirtschaft mitfreiestem Tauschverkehr und die mit socialistischer Leitung und Verteilung, — sie setzenalle gleichmäßig geistige Kollektivkräftc, einheitliche Bewußtseinskreisc, führende Autoritäten,
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, I. 2