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1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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18 Einleitung, Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage, Litteratur uud Methode,

folgende Massen voraus; der Unterschied liegt nur in der verschiedenen Art der Be-festigung und Stellung der Autoritäten, in der verschiedenen Krystallisierung und Organi-sierung der Kräfte, in der loseren oder gebundeneren Wechselwirkung zwischen Spitzeund Peripherie.

lv. Die einzelnen Bewußtfeinskreise. Haben wir bisher die geistigenKollektivkräfte im allgemeinen kurz zu charakterisieren gesucht, so ist jetzt noch einWort über ihre Erscheinung im einzelnen beizufügen. Es kann freilich dabei nichtdie Absicht fein, sie erschöpfend aufzählen oder darstellen zu wollen. Nur das Aller-wichtigste kann berührt, einiges mit unserem Zwecke enger Zusammenhängende er-wähnt werden.

Die Bcwußtseinskreise, die auf täglicher oder häufiger persönlicher Berührungund Aussprache beruhen, haben eine andere Farbe, erzeugen einen anderen Kitt des Zu-sammenhangs, als die auf schriftlichem Gedankenaustausch, auf Vermittelung durchzahlreiche persönliche Mittelglieder beruhenden. Wo aller Zusammenhang der Menschenuntereinander auf bloßem Sehen und Sprechen beruht, der schriftliche Verkehr uud dieseste Überlieferung noch fehlt, da werden zwar nur kleine, oft auch wenig fest gefügteGemeinwcfen entstehen können, aber es werden doch je nach den Menschen und ihrenGefühlen zwischen den Nächststehenden innerhalb Stamm, Sippe und Familie um sofestere sympathische Bande sich schließen können. Wo das Stammesleben größereMenschenzahlcn umfaßt, sich stärker und fester entwickelt, müssen bestimmte Einrichtungendas tägliche oder öftere Sehen herbeiführen, es müssen Versammlungen, Feste, Kriegs-übungen einen immer sich erneuernden Kontakt schaffen. Die antiken Städtcstaatcn unddie mittelalterlichen Städte erzeugten so in sich einen Gemeingeist, den große Staatentrotz Presse und Litteratur niemals haben können. Größere sociale Gebilde kommendann durch Stammesbündnisse oder Unterwerfung zustande, welche aber meist Sprach-verwandtschaft oder Sprachverschmelzung und die Entstehung gemeinsamer Regierungen,Heiligtümer und Gottesverehrung voraussetzen oder im Gefolge haben. Im übrigensetzt die Entstehung größerer Bewußtseinskreise von zerstreut, iu weiten Gebieten lebendenMenschen und damit die Entstehung größerer Staaten stets den schriftlichen Verkehrvoraus. Derfelbe kann freilich zunächst auf eine herrschende Klasse beschränkt sein, welchein sich fest zusammenhängend weit zerstreut wohnt, überall mit den lokalen KreisenFühlung hat, sie zu behandeln versteht. So hat die römische Aristokratie den orbisterrarum, später der katholische Klerus halb Europa mit der Lateinsprache umspanntuno regiert. So hat das moderne Beamtentum die meisten europäischen Staaten zueiner Zeit einheitlich zu verwalten angefangen, ehe noch der Lokal- und Provinzial-geist vom nationalen beherrscht war. Doch hat der letztere nach uud nach sich zueinem immer mächtigeren und stärkeren Bewußtseinskreis entwickelt; die großen euro-päischen Nationalsprachen und -Litteraturen, das nationale Recht und die nationalenStaatseinrichtungen, eine große gemeinsame Geschichte knüpften die Bande des Blutesund der Heimat für Millionen so fest, daß das Volkstum als folches zum ersten Princip gesellschaftlicher Gruppierung in der neueren Geschichte nach und nach werden konnte.Und eben deshalb sprechen wir heute von einem Volksgeist und meinen damit die starken,einheitlichen Gefühle, Vorstellungen und Willensimpulse, welche alle anderen im Volkeenthaltenen kleineren Kreise und Gegensätze, alle Mitglieder eines Volkes einschließenund beherrschen. Wir sagen, ein Volk sei gesund, so lange diese centralcn Kräfte stärkerseien als die trennenden Gefühle und Strebungen. Ein Volk in jenem stolzen Sinne,in welchem Fichte seine Reden an die deutsche Nation hielt, ist nur ein solches, dasvon der Erinnerung an eine große Vergangenheit beherrscht ist, in dem sehr starke ein-heitliche Gefühle uud Geistesströmungen vom letzten Bauer und.Proletarier bis zur Spitzehinaufreichen, in dem alle oder die Mehrzahl bereit ist, das Äußerste, selbst das Lebenfür das Vaterland und seine Zukunft zu opfern.

Wenn das deutsche WortVolk" gerade in diesem Sinne mit Vorliebe gebrauchtwird, wenn auch in den Begriff der Volkswirtschaft davon etwas übergegangen ist, soschließt das doch nicht aus, daß im Volke wie in jedem großen Bewußtseinskreisc viele