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1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Das Volkstum, dic kirchlichen und wirtschaftlichen Bewnsztscinstreise.

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Individuen mit abweichender Stimmung, viele kleinere Bewußtseinskreise mit unter sichverschiedenen uud teilweise dem einheitlichen Volksgeist abgewendeten oder gar feindlichengeistigen Strömungen vorhanden seien. Jedes Dorf, jede Stadt, jede Provinz hat ihrenbesonderen Lokalgeist, die socialen Klassen fühlen sich bald in stärkcrem, bald inschwächerem Gegensatz zum nationalen Geist! bestimmte, sich aussondernde Bcwußtseius-kreise beginnen in der Gegenwart in steigendem Maße mit den entsprechenden Kreisendes Auslandes Fühlung zu suchen und zu erhalten: so die Aristokratie des Grundbesitzesund des Geldes, die Wissenschaft, die Arbeiterkreisc. Jeder Verein, jede Genossenschaftwird durch einheitliche Interessen uud Überzeugungen zusammengehalten, welche nachinnen sympathisch, nach außen abgrenzend oder antipathisch wirken: jede CompagnieSoldaten, jedes Regiment hat durch den Corpsgcist einen festen Kitt nnd eine bestimmtepsycho - moralische Färbung. Keine Familie, keine Werkstatt, keine große Unter-nehmung, kein Markt kann existieren, ohne aus einem eigentümlichen, einheitlichenBewußtseinskreis, auf gewissen Gefühlen der Sympathie, des Gemeininteresses, der Ver-träglichkeit uud Übereinstimmung zu ruhen.

Unter den besonderen Bewußtseinskreisen zeichnen sich die religiös-kirchlichendurch ungewöhnliche Stärke zumal in den älteren Epochen der Geschichte aus; die religiösenGefühle erfassen das Gemüt leicht in so tieser Weise, weil der einfache, natürlicheMensch gegenüber den unverstandenen Naturgcwaltcu und dem scheinbar blind über ihmwaltenden, Schmerz und Tod bringenden Schicksal meist nur im Glauben an eine höheregöttliche Macht Ruhe und inneres Glück findet, und ein solcher Glaube nur in derGemeinsamkeit großer Kreise seine volle Kraft gewinnt. Die älteste Religion ist Ahnen-kultus, die altere Gottesverehrung ist stets an das Stammesleben geknüpft, verstärkt denStammesgcist, das nationale Sonderdasein. Nachdem die großen Weltreligionen dieseBegrenzung beseitigt, mit ihren Glaubenswahrhciten an alle Menschen und Rassen sichgewandt hatten, wurde die Glaubens- und Religionsgemeinschaft neben Rasse, Spracheund Volkstum eines der wichtigsten Bindemittel, um verschiedene Elemente zusammen-zufassen, große einheitliche Bewußtseins- und Gesittungskreife zu erzeugen. GanzeStaaten und Staatcnweltcn bauten sich auf dieser Grundlage aus, und alle anderenLebensgebiete wurden von den Gefühlen und Vorstellungen dieser Kreise mehr oderweniger berührt und beeinflußt. Erst die neuere Geschichte hat mit dem Zurücktretendes religiösen Geistes Staaten entstehen lassen, die verschiedene Religionen nebeneinanderdulden. Es können in freien Staaten nur solche sein, die in den Grundzügen desGlaubens und der Sittcnlehre sich sehr nahe stehen, sonst zerreißt der verschiedene Glaubedie unentbehrliche Einheitlichkeit des Volkstums, ähnlich wie große Rassen- und Natio-nalitätsgegensätze, sowie verschärfte Klassenunterschiede unter Umständen das Leben einerNation, eiues Staates, einer Volkswirtschaft tödlich bedrohen.

Die wirtschaftlichen Bewußtseinskreise sind ursprünglich mit denen derBlutsverwandtschaft, der Nachbarschaft, des Stammes identisch. Die gemeinsamengleichen Bedürfnisse, die gleichen technischen Kenntnisse und Fertigkeiten bilden denGrundstock des Gemeinbcwußtseins; daneben aber auch die aus sympathischen Gefühlenberuhenden Familien-, Sippen- und Stammeseinrichtungcn wirtschaftlicher Art. Alleweitere genossenschaftliche oder herrschaftliche Ordnung des Wirtschaftslebens kann nurHand in Hand mit der Ausbildung ähnlicher Gefühle und Interessen Leben und Gestaltgewinnen, muß stets auf gemeinsamen Bcwußtscinskreisen sich ausbauen oder solche er-zeugen. Im Gegensatz hiezu entwickelt sich der Tausch , der Handel, der Geldverkehrund alles hiemit in der modernen Volkswirtschaft Zusammenhängende an der Handindividualistischer und egoistischer Triebe, aber doch stets so, daß die Tauschenden, ihrenSondergcwinn suchenden Personen in stärkerer oder schwächerer Weise einen Bewußtseins-kreis bilden. Gewisse Vorstellungen über die Bedürfnisse, die Brauchbarkeit des zuTauschenden, den Wert der Waren und Leistungen, gewisse Regeln, wie man tauscht,bezahlt, sich während der Geschäfte der Gewaltthaten enthält, müssen ein gemeinsamesBand geschlungen haben, ehe der Verkehr sich entwickeln kann. Wir werden öfter daraufzurückzukommen haben, wie in dieser Weise die Tauschgeftllschaft zwar die Individuen

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