Die Bedeutung der Lust- und Schmerzgefühle.
^1
Von Förderung und Schaden erwache, daß im ganzen die Zunahme an Kraft und Lebenuns angenehm, die Abnahme unangenehm berühre, daß die Lust als Wegweiser desLebens, der Schmerz als Warner vor Gefahr uns gegeben sei. „Im Gefühl nimmt dieSeele das Maß der Übereinstimmung oder des Streites zwischen den Wirkungen derReize und den Bedingungen des Lebens wahr" (Lotze). Eine Welt, in welcher über-wiegend und regelmäßig das, was das Leben zerstört, Lust bereitete, in der Schmerzentstünde durch das, was das Leben sördert, müßte sich rasch zu Grunde richten. Diepositiven und negativen Gefühle dienen als elementarer Steuerungsapparat in demewigen Kampf der Selbsterhaltung und Erneuerung des Menschengeschlechts. Nur ausdem positiven und negativen Empfinden kann das richtige sich Bestimmen und Handelnhervorgehen.
Man kann hiegegen scheinbar nun mancherlei einwenden: bestimmte Arten über-mäßiger Lust können leicht Schmerz, Krankheit und Tod bringen; alle Erziehung desMenschen beruht auf der augenblicklichen Lustvermeidung; nichts muß der Jugend mehreingeprägt werden als: lerne Schmerz ertragen nnd auf Genuß verzichten; das Giftkann zuerst Lust bereiten, nachher töten. Es ist auf solche Einwürfe zu antworten:schon der einzelne Mensch ist ein unendlich kompliziertes Wesen, in welchem zahlloseNervenzellen in jedem Augenblick positiv und negativ angeregt sein können, in welchemaber jede dauernde Schmerzvermeidung und Lustbereitung auf einem harmonischen Gleich-gewicht aller Nervenzellen beruht. Dieses Gleichgewicht kann nur erreicht werden durchErziehung und Lebenserfahrung. Im Kinde, beim Unerfahrenen, beim Menschen ohneSelbstbeherrschung, bei dem mit ungesunder Gcfühlsentwickelung kommen einzelne Gefühlezeitweise zu einer falschen Herrschast über die anderen. Ebenso lernt der Mensch nurlaugsam die Einfügung und Eingewöhnung in die Gesellschaft; er sieht nicht sofortein, daß ihm diese momentane Lustverluste, aber dauernde Glücksgewinnc bringe. DieGefühle des Menschen sind in steter Entwickelung, die höheren erlangen erst nach undnach das Übergewicht. Die einzelnen und die Völker haben zunächst die Gefühls-ausbildung, welche ihrem bisherigen Zustand, ihren bisherigen Lebensbedinguugenentsprechen. Werden sie in andere verseht, so reagieren ihre Gefühle doch zunächst nochin alter Weise, können sich erst langsam den anderen Zuständen anpassen. Aus allendiesen Gründen müssen einzelne Gefühle und zumal solche von anormaler Entwickelungimmer zeitweise den Menschen irreführen, der nicht verständig genug ist, die Zusammen-hänge zu übersehen, der nicht durch sociale Zucht und Erziehung, durch Umbildung undAnpassung auf den rechten Weg geführt wird. Die Gefühle sind nicht blinde, sondernvom Intellekt zu regulierende Wegzciger. Der Mensch muß erst lernen, daß Arbeit undZucht, wenn im ersten Stadium auch unbequem, auf die Dauer glücklich mache, daß dieverschiedenen Gefühle einen verschiedenen Rang haben, daß die elementarsten sinnlichenGesühle zwar die stärksten seien, aber auch die kürzesten Freuden geben, daß sie einÜbermaß der Reize so wenig ertragen wie Unterdrückung, daß hier die regulierte mittlereReizung allein das Leben fördere, daß schon die zu häufige Wiederholung schade, daßmehr und mehr für den Kulturmenschen das dauernde Glück nur durch die Ausbildungund Befriedigung der höheren Gefühle erreichbar sei.
Die Lustgefühle des Essens und der Begattung sind die stärksten, elementarsten;durch sie wird es bewirkt, daß das Individuum und die Gattung sich erhält. Jeniedriger die Kultur steht, desto mehr stehen sie im Vordergrund, beherrschen überwiegendoder gar allein die Menschen. Aber auch der rohe Mensch lernt nach und nach danebendie Freuden kennen, die sich an die höheren Sinne des Auges und des Ohres knüpfen.Es entstehen die ästhetischen Gefühle, das Wohlgefallen an der Harmonie der Töne undder Farben, die Gefühle des Rhythmus, des Taktes, der Symmetrie. Aus ihnen ent-wickeln sich die intellektuellen Gefühle, die Freude an der Lösung jedes praktischen odertheoretischen Problems, am Begreifen und Verstehen irgend einer Erscheinung. Ebensoentstehen aber mit dem Gattungsleben und mit der eigenen Thätigkeit die moralischenGefühle. Der Mensch kann nicht bloß essen und lieben, er muß seine Zeit und seineSeele mit anderem erfüllen. Er nimmt gewahr, daß unterhaltende Geselligkeit, glück-