22 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode-
liches Familienleben, Erziehung der Kinder, die Übung der eigenen Kraft und Gewandtheitgleichmäßigere und dauerndere Lust gewährt. So erwachsen das Kraft- und das Selbst-gefühl, das Mitgefühl und die Liebe, die Verbands- und Gemeinschaftsgefühle allerArt, zuletzt die moralischen und Pflichtgefühle nach und nach unter der Einwirkung derErfahrung, der Gesellschaft, der Ideenwelt. Erst eine psychologische Geschichte der Mensch-heit, vor allem eine Geschichte der Entwickelung der Gefühle, wie sie andeutungsweiseHorwicz giebt, würde uns eine richtige Grundlage für alle Staats- und Gesellschafts-wissenschaft bieten.
An alle die einzelnen, nach und nach sich ausbildenden Gebiete des Empfindungs-lcbens knüpfen sich nun Lust- und Schmerzgefühle, und dieselben wnken als Wegweiserfür den menschlichen Willen und das Handeln. Und wenn wir zweifeln, ob wir dasbeglückende Gefühl des Heldentodes für das Vaterland mit dem gleichen Namen bezeichnensollen wie die Lust am Becher schäumenden Weines, so ist das Gleiche und Verbindendeja nur die Naturseite des Zustandekommens eines Glücks- oder Lustgefühls. Wie aufden wilden Stamm der Rose die verschiedensten Blütenarten gepfropft werden, su sindunsere Nervenreize der physiologische Untergrund für das Verschiedenste, was Menschen-seclen bewegt. Und alle höheren, reineren Freuden können voll nur aus unserem geistigenund socialen Leben erklärt werden, wie die natürlichen aus unseren animalischen Prozessen.
Mit der Erfahrung, daß die verschiedenen Gefühle stärkere oder schwächere, einfacheoder mannigfache, vorübergehende oder dauernde, kurz nach den verschiedensten Seitendem Grad und der Art nach unterschiedene Freuden gewähren, verbindet sich die denkendeOrdnung, welche alle die verschiedenen Gefühle nach ihrer Bedeutung für das Lebengliedert und in Reihen bringt. Es entsteht eine Skala der Lust- und Glücksgefühle.Eine tiefere und edlere Lebensauffassung kommt zu dem Ergebnis, daß die Lustgefühleum so höher stehen, einem je höheren geistigen Gebiete sie angehören, oder an je höhereVerknüpfungen und Verhältnisse sie sich anheften (Fcchner). DaS Gefühl steht höher,das nicht an einen einzelnen, sondern an mehrere Sinne sich anknüpft, das nicht denKörper, sondern die Seele, nicht die Lage des Moments, sondern die dauernde desIndividuums, nicht das Individuum allein, sondern die Genossen, die Familie, dieMitbürger betrifft oder mitbetrifft. Allen sittlichen Fortschritt kann man von diesemStandpunkt aus betrachten als den zunehmenden Sieg der höheren über die niedrigenGefühle. Aller Fortschritt der Intelligenz und der Technik, der Mehrproduktion undder komplizierteren Gesellschaftseinrichtungen führt nur dann die Völker sicher und dauerndaufwärts, wenn die Gefühle, welche das Handeln bestimmen, sich in dieser Richtungentwickelt haben.
Es ist klar, daß bei dem Sieg der höheren über die niedrigen Gefühle die letzterenselbst etwas anderes werden. Auch die elementaren, natürlichen Lustgefühle verfeinernund veredeln sich oder verknüpfen sich immer enger mit höheren Gefühlen. Die Lustder Sättigung verknüpft sich beim Kulturmenschen mit den Freuden des Familien-lebens und der angeregten Geselligkeit, mit gewissen ästhetischen Gefühlen. Aus demBehagen, in Höhle und Hütte sich gegen Kälte und Wetter zu schützen, wird mit derbesseren Wohnung die Freude am eigenen Herd, an seiner Ordnung und anmutendensauberen Gestaltung. So wird die Verknüpfung der verschiedenen Gesühle miteinanderzugleich zu ihrer richtigen Ordnung. Auch die sinnlichen verschwinden nicht, aber siewerden an ihre rechte Stelle gesetzt und durch ihre Einkleidung in höhere gezügelt undreguliert.
Die wesentlichen habituellen Gefühle erscheinen in ihrer Beziehung zur Außenweltals Bedürfnisse, in ihrer aktiven auf bestimmtes Wollen und Handeln hinzielenden Rolleals Triebe.
12. DieBedürsnisse. Die Lust- und Unlustgesühle weisen den Menschen über sichhinaus; sie nötigen ihn, tastend, suchend, überlegend das aufzusuchen, zu benutzen, sich zuassimilieren, was ihn von Schmerz befreit, was ihm Befriedigung, Lust und Glück verschafft.Die ihn umgebende Außenwelt mit ihren Schätzen, die sie nach Klima und Boden, nachFlora und Fauna bietet, die eigene Arbeit und die der Mitmenschen, die ganzen gesell-