Wirtschaftliche und sittliche Würdigung des Erwerdotriebes.
Machtgelüsten; derselbe Erwerbstrieb ist hier mit Verschwendung, dort mit Geiz, hiermit Energie und Thatkraft, dort nur mit Schlauheit verbunden.
Der Erwerbstrieb ist keine überall gleiche Naturkraft, er ist stets gebunden undgebändigt durch gewisse sittliche Einflüsse, Rechtssatzungen und Institutionen. Aberdiese können zu einer gewissen Zeit, in einem bestimmten Volke, bei einer soeialenKlasse im Durchschnitte so einheitliche sein, daß allerdings gesagt werden kann, auf demMarkte und im Geschäftsleben werden bestimmte Menschengrnppen regelmäßig durch ihn,durch den Trieb, mit möglichst wenig Opfern viel zu erwerben, bestimmt. Und daraufberuht die Möglichkeit, die Preisbildung, die Einkommensverteilung, die Zinsbilduugund ähnliche volkswirtschaftliche Erscheinungen unserer Kulturstaaten auf den vorherbestimmt geschilderten oder den allgemein angenommenen Erwerbstrieb zurückzuführen.Man darf nur dabei nie übersehen, daß selbst unter den Kaufleuten derselben Stadtdieser Erwcrbstrieb nicht stets derselbe ist; vollends hat der schamlose Wucherer oderder harte Faktor einer Hausindustrie nicht denselben Erwcrbstrieb, wie der vornehmereelle Unternehmer, der jeden unrechten und unbilligen Gewinn verschmäht, seinen Kundenstets mit kleinen Diensten und Gefälligkeiten entgegen kommt, sich mit ihnen auf dem-selben sittlich sympathischen Boden weiß, seine Leute gut behandelt.
Auch wenn heute das Feilschen, Kaufen und Verkaufen uud ähnliche Handluugenaus den Erwerbstrieb zurückgeführt werden können, so ist damit nicht alles wirtschaft-liche Handeln, so sind damit nicht alle volkswirtschaftlichen Erscheinungen erklärt. Istetwa die Haus- und Familienwirtschaft, sind die Untcrnehmuugsformen, die staatlicheFinanz auf den Erwerbstrieb zurückzuführen? Noch weniger läßt sich behaupten, daßdas Maß des zunehmenden Erwerbstriebcs zugleich das Maß des steigenden Reichtumsder Völker sei. Nur das ist richtig, daß die zunehmende Ausbildung der Tauschwirt-schaft und Tauschgesellschaft die stärkere Ausbildung des Erwerbstriebes voraussetzte,und daß die Steigerung individueller wirtschaftlicher Energie und Thatkraft in denletzten Jährhunderten ohne ihn nicht denkbar wäre.
Darin liegt auch der Maßstab für seine sittliche Beurteilung. Der wachsendeErwerbstrieb hat eine steigende Zahl von Menschen erzeugt, die vor allem Vermögengewinnen wollen: die Leute mit kräftigem Willen, klugem Unternehmungsgeist, harterEnergie, welche oft von Ehrgeiz und Eitelkeit, oft von starken animalischen Triebenbeherrscht, häufig ohne höhere Interessen und ohne stärkere sympathische Gefühle sind,spielten eine erhebliche Rolle, wurden vor anderen reich. Gewiß sind das häufig keineanziehenden, edlen Persönlichkeiten; ebensowenig ist zu wünschen, daß sie ausschließlichdie Gesellschaft beherrschen; aber so lange ihre Thatkraft und Energie sehr viel größerist als ihr Erwerbstrieb, ihre Härte gegen ihre Konkurrenten, Kunden und Arbeiter,fragt es sich stets, ob sie der Wohlfahrt des Ganzen nicht mehr dienen, als wennan ihrer Stelle edle Schwächlinge und unkluge, geschäftsunkundige Unternehmer stünden.Überhaupt ist für alle Klassen die Ausbildung des Erwerbstriebcs so lange ein Fort-schritt, als er die Thätigkeit im ganzen steigert, ohne zur Ungerechtigkeit, zur Herzlosigkeitund Freude an der Mißhandlung der Schwachen zu führen, wie wir sie als Laster desGeizhalses, des Arbeiterschinders, des Wucherers kennen.
Es gilt so vom Erwerbstrieb, was von allen selbstischen Neigungen gilt: sie habenihr Recht im System des menschlichen Handelns, wenn sie einerseits die Individuen inihrer Selbstbehauptung, in ihrer Gesundheit, ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit stärkenund andererseits die Grenzen inne halten, die durch die Wohlfahrt des Ganzen gestecktsind, wenn sie als Tcilinhalte des menschlichen Willens sich den höheren Zwecken richtigeingliedern. Der bloße nackte Erwerbstrieb ist böse und ist auch wirtschaftlich zerstörend,sofern alles höhere wirtschaftliche Leben in Verbänden sich vollzieht, die nicht ohnesympathische Gefühle und sittliche Einrichtungen existieren können. Die Familienwirtschaft,die Unternehmung, das wirtschaftliche Vereins- und Korporationswesen, ja selbst dereinfache Markt- und Tauschverkehr ruhen auf dem Gefühl eines gewissen Verbundenseins,eines wechselseitigen Vertrauens; sie sind ohne eine Summe moralischer Eigenschaftcn,wie Billigkeit und Gerechtigkeit, nicht möglich. Mindestens all' das, was man als Wirt-