44 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur nnd Methode.
pflogcnheitcn und Sitten billigte, für lebensförderlich, zweckmäßig und gut hielt. Auchzur Zeit, als es Sitte war, daß die Mutter einen Teil ihrer Kinder erwürgte, gab esMutterliebe und Anfänge reinerer Empfindungen; aber sie waren zunächst von anderenGefühlen zurückgedrängt; religiöse Vorstellungen von der Notwendigkeit, die Erstgeburtden Göttern zu opfern, mag da, Hunger und Not, die Lebensfürsorge auf flüchtigerWanderung, das Interesse der Familie und des Stammes mag dort überwogen haben,eine solche Sitte zu erzeugen, welche dann als das Gute, das Gebilligte im Stammegalt. Es entspricht einem rohen Zeitalter, zunächst nur Tapferkeit, List, Verwegenheitals Tugenden anzuerkennen, spätere Epochen setzen andere Eigenschaften daneben. Auchdie sprachliche Thatsache, daß die sür gut und böse gebrauchten Worte bei den meistenVölkern ursprünglich sinnliche und physische Vorzüge, erst später moralische und geistigebezeichneten, daß die virtus des Römers in ältester Zeit nicht Tugend, sondern Kriegs-tüchtigkeit bedeutete, beweist nur, daß das sittliche Urteil ein werdendes ist, nicht daßes irgendwo ganz fehlte.
Jede Zeit und jedes Volk lebt unter bestimmten äußeren Bedingungen, die eineReihe von Zwecken und von Handlungen als die für Individuen und Gesamtheit not-wendigsten bestimmen; sie müssen bevorzugt werden, wenn das Individuum und dieGattung bestehen soll; sie müssen an andere Stelle rücken, sobald die äußeren Lebens'bedingungen andere werden. Auch jeder wirtschaftliche Zustand steht unter dieser Voraus-setzung: die wirtschaftlichen Eigenschaften und Handlungen gelten als gut, welche nachLage der Dinge die dauernde Wohlfahrt der einzelnen und der Gesellschaft am meistenfördern. Dabei mögen Aberglaube, falsche Kausalitätsvorstellungcn, die Interessen derMachthaber in die konventionelle Feststellung dessen, was für gut gilt, noch so sehreingreifen, das sittliche Werturteil im ganzen wird doch stets die wichtigeren und höherenZwecke voranstellen, es wird fordern, daß die Lust des Augenblickes dem Glücke desfolgenden Tages hintangestcllt werde, daß das Individuum nie sich als einzigen Selbst-zweck, sondern als Glied der Sippe, der Familie, des Stammes betrachte. Wenn dasreflektierende Denken nnd die höheren Gefühle sich stärker entwickeln, so beginnt man dasLeben des Jndividnums als ein Ganzes aufzufassen, die Jugend als Vorschule desMannesalters zu betrachten, sie durch strenge Übung und Zucht zu bändigen; was demLeben im ganzen Bedeutung, Inhalt und Glück verleiht, gilt nun als das Gute. Indem Maße, als etwas größere gesellschaftliche Verbindungen entstehen, erscheint als dassittlich Gute nunmehr das, was den socialen Körper und seine Wohlfahrt fördert. Ent-steht endlich im Menschen die Ahnung eines Zusammenhanges aller menschlichen Geschickemit einer höheren Weltordnung, das demütige Gefühl der Abhängigkeit unseres armenMenschenlebens von einer göttlichen Weltregierung, so wird dadurch notwendig auchdas sittliche Werturteil wieder ein anderes als früher. Nun erscheint dem Menschen alsgut, was die Gottheit gebietet, was ihn in das richtige Verhältnis zu ihr bringt. Kurz,jedes Princip sittlicher Wertschätzung von Handlungen baut sich aus bestimmten materiell-technischen, gesellschaftlichen und psychologisch-geschichtlichen Voraussetzungen auf. Dieethische Vorstcllungswelt erstreckt sich von der sinnlichen Lust des individuellen Lebensdurch zahllose Glieder hindurch bis zur Menschheit, zum Weltganzen, zur Ewigkeit.Das Gute hat kein ruhendes, sondern ein sich stetig vervollkommnendes Dasein. Dernie ruhende Sieg des Höheren über das Niedrige, des Ganzen über das Partielle machtdas Wesen des Guten aus.
Jede Zeit hat so ihre Pflichten, ihre Tugenden, ihre sittlichen Zwecke. Die all-gemein anerkannten sittlichen Gebote, mit welchen das sittliche Werturteil einer Zeit demeinzelnen gcgenübertritt, sind die Pflichten; die durch sittliche Übung erlangten Fertig-keiten, im Sinne der Pflicht zu handeln, sind die Tugenden; die Zwecke, aus die dassittliche Streben gerichtet ist, sind die sittlichen Güter. Und jede Zeit und jedes religiöseund Philosophische Moralsystem bestimmt sie nicht nur an sich, grenzt sie vom natür-lichen Handeln und Geschehen, vom reinen Triebleben, vom sittlich gleichgültigen Handelnab, sondern stellt eine Wertordnung der Zwecke, der Tugenden, der Pflichten her. EinemZeitalter gilt die Tapferkeit, einem anderen die Gerechtigkeit, einem dritten die Abtötung