Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Wesen und historische Bedingtheit des Sittlichen.

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bezüglich des eigenen Handelns und Empfindens ein. Nur indem der Mensch das Gute,was er von anderen fordert, auch von sich verlangt, befriedigt er sein Denken, gewinnter Achtung vor sich felbst. So erwächst nach und nach in der eigenen Brust jenerunparteiifche und stets völlig unterrichtete Zuschauer, der auf all' unsere Motive, ausall' unser Handeln reagiert, das Gewissen, das mit unnachsichtiger Strenge und mit im-perativem Charakter uns ermahnt, nach dem Guten und Edeln, nach Ehre und Würdedes Charakters zu streben. Es entstehen so durch den Widerstreit zwischen Gewissenund augenblicklichen Triebreizcn die zwei Seelen in jeder Brnst, von denen Plato wieGoethe reden, jene zwei Gruppen von Antrieben, die im ewigen Kampf den Inhalt allesMenschenlebens und aller Geschichte ausmachen. Der Kampf kommt niemals ganz zurRuhe; in ewiger Oscillation bewegen sich niedrige elementare Vorstellungen und Impulseneben den höheren, sittlich mehr gebilligten auf und ab in unserer Seele. Aber die höherenwerden doch nach und nach in dem Maße zur vorherrschenden und überwiegenden, jaausschließlich bewegenden Kraft in uns, als sie durch Vererbung und Anlage, durchErziehung und Übung gestärkt werden, als der Gedankenzug und die Gedankenverbindungenimmer wieder nach dieser Seite geführt, durch verstandesmäßige Ausbildung geklärt, zurGefühlsmacht geworden sind, als durch Gewohnheit, Fertigkeit und Sicherheit im Wollenein sittlicher Charakter sich gebildet hat.

23. Die historische Entwickelung des Sittlichen und ihre Ziele.Das Sittliche ist so stets ein Werdendes; die sittliche Entwickelung der Individuen, derVölker, der Menschheit steht nie still. Die Wahrnehmung also, die schon die Sophisten,dann Hobbes und Locke machten, daß das Sittliche bei verschiedenen Völkern und zuverschiedener Zeit ein verschiedenes gewesen, die Wahrnehmung, welche uns die heutigegeographische Ausschließung der Erde noch nachdrücklicher bestätigt hat. wird uns nichtüberraschen. Nur das wäre ausfallend, wenn es, wie Lubbock meint, Stämme ohnesittliches Urteil gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Denn die Vorstellungen von gutund böse, von zu billigenden und zu mißbilligenden Handlungen fehlen nirgends ganz.Sie haben nur notwendig einen verschiedenen materiellen Inhalt, je nach den gesellschaft-lichen und kulturellen Voraussetzungen, nnter welchen die Menschen leben, je nach derAusbildung der sittlichen Gefühle und des Denkens. Beim Übergang zu anderen Lebens-bedingungen muß den einen noch für gut gelten, was den anderen schlecht und ver-werflich scheint. Wer den wahren Kausalzusammenhang von Handlung und Wirkung,von komplizierten gesellschaftlichen Einrichtungen nicht kennt, wird sittlich anders urteilen,als wer ihn durchschaut. Das rohe sittliche Gefühl nimmt keinen Anstoß an dem, vorwas das verfeinerte schaudert. So muß das sittliche Urteil stets sich ändern; aber daimmer neben dem Wechsel der äußeren Verhältnisse die Vervollkommnung unserer Kennt-nisse und Vorstellungen und die Veredelung unserer Gefühle an der Umbildung arbeitet,fo werden wir einen Fortschritt auf dieser Bahn annehmen können, so werden wir hoffenkönnen, daß das sittliche Urteil die Zwecke immer richtiger werte.

Wenn der Buschmann es als gute That Preist, daß er das Weib eines anderensich gewaltsam angeeignet, als böse That verurteilt, wenn ein anderer ihm seine Frauraubt, so beweist das so wenig einen gänzlichen Mangel sittlichen Urteils, als wennman in Sparta die Jünglinge hungern ließ und sie zum Stehlen anleitete, das un-bestraft blieb, wenn sie sich nur nicht ertappen ließen. Es hat einst für berechtigt janotwendig gegolten, einen erheblichen Teil der neugeborenen Kinder und die Greise zutöten, einem Baumsrevler die Gedärme aus dem Leibe zu winden, um den Baum ein-zuwickeln, dem angesehenen fremden Gastfrcund Frau und Tochter zum Gebrauch anzu-bieten, Scharen von Sklaven und Weibern beim Tode des Häuptlings zu verbrennen.Heute erscheint uns dasfelbe unsittlich und barbarisch. Aber die Not des Lebens, derGlaube, nur so den Geistern und Göttern zu gefallen, ließen meist solche Bräuche alsgut und zweckmäßig erscheinen. Nur wenn wir die gesamten äußeren Lebensbedingungenund die gesamten Kausalvorstcllungcn und religiösen Ideen eines Stammes und Volkeskennen, werden wir verstehen, wie das nie ruhende sittliche Werturteil bestimmte Ge-