42 Einleitung, Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
und der Welt auf uns eine noch so große Rolle spielen, verstanden haben wir dasSittliche nur, wenn wir es als das notwendige Ergebnis unseres inneren Seelenlebensbegreifen.
Die körperliche Ausstattung des Menschen, seine Hand, sein Auge, seine feinerenMuskeln haben ihm ermöglicht, sein Tricblebeu zu anderen Ergebnissen, als das Tieres vermag, zu verwerten. Durch feinere Wahrnehmung und sehr viel zahlreichere Vor-stellungen lenkt er seine Thätigkeit auf höhere Ziele; schon indem er sich Nahrung undKleidung mit weiterem Blick, mit Schonung, mit Selbstbeherrschung bereitet, lernt erBesonnenheit, d. h. er hemmt, auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, momentane Triebe, erbeherrscht Gefühle, die im Augenblick hinderlich wären. Er lernt so durch die Arbeitsich selbst beherrschen, er läßt reflektorische Bewegungen nicht zum Ausbruch kommen;er sammelt seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorstellungsreihcn, die er zusammenwirkenläßt, und erreicht so mit relativ einfachen Mitteln außerordentlich viel. Auf derselbenLeiter steigt der Mensch so zum Werkzeug, znr Arbeit wie zur Sittlichkeit empor. Allessittliche Handeln ist zweckmäßiges Handeln. Aber sobald neben die niederen sinnlichendie höheren und socialen Ziele getreten sind, so begreifen wir mehr und mehr nur dasHandeln im Sinne der letzteren unter dem Sittlichen nnd setzen das zweckmäßige Handelnauf dem ersteren Gebiete als das Nützliche dem Sittlichen entgegen. Die Zweckmäßigkeitder Natur erhebt sich so im nützlichen und sittlichen Handeln auf seine höheren Stufen.Indem der Mensch die niedrigen Zwecke den höheren unterordnet, die Wohlfahrt in jenemhöheren Sinne anstrebt, die auf das Ganze gerichtet ist, handelt er gut.
Wie gelingt ihm aber die Unterscheidung von gut und böse, wenn er vor derWahl steht, wenn er in jedem Momente von verschiedenen Möglichkeiten die richtige, vonverschiedenen Zwecken den guten wählen soll? Die Erkenntnis, die Weisheit, sagtSokrates muß ihm den Weg weisen. Und gewiß giebt es keinen sittlichen Fortschritt,keine Möglichkeit, das Gute zu wählen, ohne zunehmende Erkenntnis der Zusammen-hänge, der Kausalverbindungen, der Zwecke und der ihnen dienenden Mittel, ohne Vor-stellung von den Folgen des guten Handelns in der Zukunft. Aber die Erkenntnisgiebt nicht an sich die Kraft der richtigen Entscheidung, des guten Handelns. Dashöhere Gefühl, das den Wert des Guten und des Besseren findet, mit impulsiver Kraftdafür entscheidet, giebt den Ausschlag. Die Freude, unter den möglichen Handlungennicht die schlechte, sondern die gute zu thun, hebt uns über Zweisel und Versuchunghinweg, sie durchglüht und elektrisiert uns, sie befestigt die Kraft, in ähnlichen Fällenwieder gut zu handeln. Aber dieses Gefühl erwächst und stärkt sich erst im Zusammen-hang mit unserer Beobachtung der Handlungen dritter Personen.
Es wird, je weniger nnscr sittliches Gefühl und Urteil noch entwickelt ist, unsviel leichter, beim Anblick der Handlungen dritter zu sagen, das ist gut, das ist böse.Der Mensch fällt bei der Beobachtung der Fehltritte eines anderen viel sicherer als beiseinen eigenen das Urteil i du thust Unrecht, Verdienst Strafe. Wir haben bei solchemAnblick von der mißbilligten Handlung keinen augenblicklichen Vorteil, wie in dem Fall,in welchem wir selbst der Versuchung ausgesetzt sind. Wir haben von der gebilligtenHandlung die reine Freude des Mitempfindens, von der gemißbilligten die volle Unlustder Entrüstung. Auf diesem Mitklingen und Anklingen der Thaten und der Motivedritter in unserer eigenen Brust, auf diesen sympathischen, zu Freude und Vergeltunganregenden Gefühlen beruht wesentlich die Ausbildung der sittlichen Gefühle, des sitt-lichen Urteils und der Fähigkeit, sittlich zu handeln. Je energischer und je regelmäßigerwir die Handlungen anderer der sittlichen Beurteilung unterwerfen, desto mehr wirdsich uns durch die notwendige Einheit alles Denkens die Frage aufdrängen: fallen wirnicht denselben Maßstab, wie auf andere, auf uns anwenden? Wir werden uns daranerinnern, daß andere uns so messen werden, wie wir sie. Wir werden selbst bei geheimenHandlungen uns fragen, was die Welt, die Freunde, die Nachbarn dazu sagen würden.Der Mensch lernt so im Spiegel der Mitmenschen sich selbst erst richtig beurteilen. Erwendet notwendig die Reflexionen, mit denen er die Handlungen und Motive andererbegleitet, aus sich an; dieselben Gefühle der Billigung und Mißbilligung stellen sich