Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die wachsenden Ziele und die Zuchtmittel des Sittlichen.

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der Sinnenwelt als höchste Tugend. Dem einen gilt Schmerzlosigkeit, dem anderenThätigkeit, dem dritten Hingabe an das Gemeinwesen als das höchste Gut.

Trotz aller dieser Abweichungen hat die gleiche Menschennatur, die gleiche gesell-schaftliche Entwickelung und die gleiche Ausbildung der Ideenwelt bei allen höherstehenden Völkern eine merkwürdige Übereinstimmung der geforderten Pflichten, Tugendenund Güter erzeugt. Eiue Erfahrung von Jahrtausenden hat immer mehr dieselbenHandlungen, dieselben Gefühle als die notwendigen Bedingungen des Glückes der ein-zelnen, wie der Wohlfahrt der Gesellschaft aufgedeckt. Bei allen Völkern arbeiten sichnach langen Irrwegen dieselben Ideale durch, die in relativ wenigen uud einfachenSätzen und Ideen sich zusammenfassen lassen. Sie sind ebenso sehr ein Ergebnis unserersteigenden Erkenntnis der Welt und der Menschen, als ein Produkt der sittlichen Zucht,der Veredelung unseres Gemütslebens. Behaupte und vervollkommne dich selbst; liebedeinen Nächsten als dich selbst; gebe jedem das Seine; fühle dich als Glied des Ganzen,dem du angehörst; sei demütig vor Gott , selbstbewußt aber bescheiden vor den Menschen.Derartiges wird heute in allen Weltteilen und von allen Religionen gelehrt. Undüberall ruht der Bestand der Gesellschaft darauf, daß diese schlichten und kurzen Sätzezur höchsten geistigen Macht aus Erden geworden sind.

24. Die sittlichen Zuchtmittel: gesellschaftlicher Tadel, staatlicheStrafen, religiöse Vorstellungen. Wie kam es aber, daß diese Sätze zurhöchsten Macht aus Erden wurden? Die sittlichen Urteile entstanden und entstehen immerwieder auf Grund der geschilderten psychischen Vorgänge; aber wie wir dabei schon derMitwirkung der Gesellschaft gedenken mußten, so tragen gesellschaftliche Einrichtungenund psychische Pressionsmittel, die aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen ihre Kraftschöpfen, dazu bei, die Wirkung dieser Urteile zu stärken, im Gemütslcben^ der Menschenjene starken Emotionen hervorzurufen, die zunächst viel mehr als kluges Überlegen undEinsicht in den gesellschaftlichen Nutzen oder den künftigen eigenen Vorteil die Menschenauf der Bahn des Sittlichen vorangebracht haben.

Die socialen Pressions- und Zuchtmittel, die wir meinen, sind einfach und bekannt:sie entspringen der Furcht vor Tadel und Rache der Genossen, der Furcht vor derStrafgewalt der Mächtigen und Fürsten , der Furcht vor den Göttern. Es ist, wieH. Spencer sagt, eine dreifache Kontrolle, unter welcher die menschlichen Handlungenstehen, so weit wir die Geschichte zurück verfolgen können. Wir haben schon im bisherigenGelegenheit gehabt, sie teilweise zu berühren, hauptsächlich bei Erörterung des An-erkennungstriebes (S. 30) die Furcht vor der tadelnden Umgebung erwähnt.

Lange ehe die Gewalt des Häuptlings oder Königs entsteht, die Führung imKriege übernimmt, die Feigen bestraft, die Tapferen belohnt, besteht in der primitivstenGesellschaft die Furcht vor Nichtanerkennung und Ausschluß aus der Sippe unddem Stamm, die Gefahr der rächenden Nemesis von Verwandten, wenn ein Frevlereinen Stammesgcnossen aus anderem Geschlecht erschlagen hat. Nicht im Widerspruchmit dem sittlichen Werturteil, den Gefühlen der Sympathie und Vergeltung, sonderneben aus ihnen heraus wachsen die entsprechenden Übungen und Gepflogenheiten derBlutrache, der Ausstoßung, die dann wieder mit großer Macht auf die Einbildung unddie Gefühle zurückwirken. Vorstellungen künftiger Schmerzen und künftiger Freudewerden so mit größtem Nachdruck vor die Seele geführt, daß sie dauernd die einzelnenund die Gesellschaft beherrschen.

Neben diese niemals verschwindende, nur später in milderen Formen auftretendeKontrolle der Nachbarn und Genossen tritt nun mit der Ausbildung einer öffentlichenGewalt, eines Häuptlings- und Königtums, eines kriegerischen Führertums die Machtder Staatsgewalt. Es ist zuerst ein roher Despotismus, zuletzt eine scst durch das Rechtumgrenzte oberste, vielleicht ganz unpersönliche Befehlsbefugnis, die Vorschriften erläßtund straft; immer ruht sie auf Machtmitteln aller Art, kann den Widerstrebendenzwingen, einsperren, töten; der einzelne muß sich ihr und ihren Geboten unterwerfen;die staatliche Zwangsgewalt mit ihrem System von Strafen und Zwangsmitteln, vonAuszeichnungen uud Ehren wird gleichsam das seste Rückgrat der Gesellschaft; die Bürger