46 Einleitung, Begriff. Psticholvgischc und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
wissen cs nicht anders, als daß siemntcr dieser zumal in alten Zeiten barbarisch strafendenGewalt stehen, und auch heute ist die Strafgewalt die ultiiim ratio, welche das Guteund damit die Gesellschaft aufrecht erhält.
Der äußere Zwang zu sittlichem Verhalten, der mit der Rute des Vaters undLehrers beginnt und durch alle Zwangsvcranstaltungen der Gesellschaft und des Staateshindurch mit der Zwangspflicht endigt, eventuell fein Leben fürs Vaterland zu lassen,bringt zunächst nur ein äußerlich legales Verhalten in der Mehrzahl der Fälle zuwege,keine innere Sittlichkeit, aber er beseitigt die direkten Störungen der sittlichen Ordnung,er gewöhnt die Menge daran, das Unsittliche zu meiden, er erzieht durch Gewöhnungund Vorbild, er bringt einen äußeren Schein der Anständigkeit und Tugend hervor, dernicht ohne Rückwirkung auf das Innere bleiben kann, in Verbindung mit der Furchtvor gesellschaftlichem Tadel auch innerlich die Gefühle veredelt.
Noch mehr aber vollzieht sich die innerliche sittliche Umbildung dnrch die religiösenVorstellungen, so grob sinnlich sie anfangs sind, so sehr sie lange sich äußerer staatlicherZwangsmittel bedienen. Das letzte Ziel des religiösen Kontrollapparatcs ist doch, dieMenschen in ihrer innersten Gesinnung zu ändern. Die Religionssystcme waren daswichtigste Mittel, das sinnlich-individuelle Tricbleben zu bändigen. Die religiösen Vor-stellungen ergriffen das menschliche Gemüt mit noch ganz anderer Gewalt als die beidenanderen Zuchtmittel. Die zitternde Furcht des naiven Urmenschen vor den: Übersinnlichenist einer der stärksten, wenn nicht der stärkste Hebel zur Befestigung der sittlichen Kräfteund der gesellschaftlichen Einrichtungen gewesen.
Die ältesten religiösen Gefühle und Satzungen entsprangen den Vorstellungen überdie Seele, ihre Wanderungen im Traume, ihr Fortleben nach dem Tode; die Seele desToten könne, so glaubte man, ihren Sitz im Stein, im Baum, im Tiere wie im Leichnamselbst nehmen; der Totenkultus, die Sitte des Begrabens, das Opfern für die Totenentsprang aus diesen Vorstellungen; die toten Könige und Häuptlinge erschienen, wiedie ganze mit Geistern erfüllte Natur, als Mächte der Finsternis oder des Lichtes, denenman dienen, opfern, sich willenlos unterordnen müsse, deren Willen die Zauberer undPriester erkundeten und mitteilten. So entstanden pricsterliche, angeblich von den Geisternund Göttern diktierte Regeln, meist ursprünglich Regeln der gesellschaftlichen Zncht, derUnterordnung des Individuums unter allgemeine Zwecke, welche Millionen und Milliardenvon Menschen veranlaßten, dem irdischen Genusse zu entsagen, die unmittelbaren, Nächst-liegenden individuellen Vorteile den Göttern oder einer fernen Zukunft zu opfern. Nichtaus Überlegung des eigenen oder gesellschaftlichen Nutzens handelten sie so, fondern weilein überwältigendes Gefühl der Demut und der Furcht vor der Hölle und ihren Strafensie nötigte, die Gebote der Götter höher zu achten als sinnliche Lust oder eigenen Willen,weil sie sich selbst für besser hielten, wenn sie so handelten, wie es die Vorschriften derReligion forderten.
Die religiöse Stimmung ist ursprünglich bei den rohesten Menfchen nichts als einunaussprechliches Bangen vor körperlichem Leid, ein Gefühl der eigenen Schwäche, eineFurcht vor den unverstandenen Gewalten, die den Menschen allmächtig umgeben. DiePhantasie sucht nach Kräften, nach Ursachen, die das Geschehene erklären, die man alshandelnde, strafende, zürnende Wesen sich denkt, die als Kräfte vorgestellt werden, welchein das menschliche Leben eingreifen können, nach deren Wunsch man das häusliche wiedas öffentliche Leben einrichten müsse, deren Zorn man abwenden müsse durch Gebet,durch Folgsamkeit gegen ihre Diener und Willensübcrbringer, durch schlechthinige Er-gebung in ihre Befehle. Unendlich lange hat es gedauert, bis die unklaren und rohenVorstellungen, über böse Geister und ihr vielfach tückisches Verhalten gegen die Menschensich abklärte zu einem edleren religiösen Glauben, der in den Göttern Vorbilder undTräger einer idealen, über der sinnlichen erhabenen Weltordnung sah. Diese setzte andie Stelle der Vorstellungen vom Zorn und der Leidenschaft der Götter den Glaubenan eine alles Gute belohnende, alles Böse strafende göttliche Gewalt. Die Vergeltung,die den menschlichen Einrichtungen in der Gegenwart immer nur unvollkommen gelingenkonnte, wurde den Göttern zugetraut; man rechnete bald auf eine Vergeltung auf Erden