Gesellschaftlicher, staatlicher und religiöser Zwang.
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wie bei den Semiten, auf Lohn und Heimsuchung am dritten und vierten Gliede deseigenen Geschlechts; bald, mit dem Erwachen des Unsterblichkcitsgedankcns, auf eineVergeltung in einem anderen Leben. Das irdische Leben schrumpfte zu einer Vorbereitungfür ein jenseitiges zusammen; alle Freuden dieser Welt erschienen nun vergänglich undnichtssagend gegen die Hoffnung einer ewigen Seligkeit, die als Lohn guter Thaten undGesinnungen erwartet wurde. Damit entstand eine sociale Zucht und eine sociale Kraft,eine Fähigkeit der Unterordnung unter, der Hingabe an gesellschaftliche und idealeZwecke, welche die betreffenden Völker allen anderen überlegen machte, ihnen die herrschende,führende Rolle übertrug. Die höchste Ausbildung des religiösen Lebens erfolgte unterder Führung von historischen Jdealgestalten, die durch ihr Beispiel und ihre Lehre nichtbloß gute Handlungen, sondern gute Gesinnung verlangten. Die Furcht vor der Hölleund die Hoffnung auf den Himmel verwandelten sich in die edelsten Affekte, in die Liebezu Gott, in die Hingabe an das Ideale. Die sittliche Gesinnung wurde zur Hauptsachevor dem Herrn, der die Herzen und die Nieren prüft. Es genügte jetzt nicht mehr, umder bloßen Belohnung willen äußerlich gut zu handeln; man kann nicht aus verwerflichenMotiven gut, edel, christlich gesinnt sein.
Die großen ethischen Religionssysteme, hauptsächlich das christliche, sind es so,welche die äußere Zwangskontrolle und die rohere innere Kontrolle, die aus Lohn undStrafe rechnet, mehr und mehr in jene höhere innere Kontrolle umwandeln, die mitder vorherrschenden Vorstellung eines sittlichen Lebensideals all' unser Thun beleuchtetund reguliert. Das Gute wird nunmehr als die wahre und innere Natur des Menschenerklärt und befolgt, es wird um seiner selbst willen geliebt, weil es allein dauernde,ungetrübte, über alles menschliche Leid erhebende Befriedigung, das höchste Glück, diereinste und dauerndste Lust gewährt. Aber auch wo die innere Umwandlung nicht soweit geht, erheben die geläuterten religiösen Vorstellungen der ethischen Kulturreligionenalles Empfinden und Handeln der Menschen aus eine andere Stufe. Die Selbstsuchtwird gezähmt, das Mitleid und alle sympathischen Gefühle werden ausgebildet. DieWahrheit, daß der einzelne nicht für sich selbst lebt, daß er mit seinem Thun und Lassengroßen geistigen Gemeinschaften angehört, daß er mit den endlichen Zwecken, die erverfolgt, unendlichen Zwecken dient, diese Wahrheit predigt die Religion jedem, selbstdem einfachsten Gemüt; sie verknüpft für die große Menge aller Menschen auf dieseWeise das alltägliche Treiben des beschränktesten Gesichtskreises mit den höchsten geistigenInteressen. Durch die Religion bildet sich jenes abstrakte Pflichtgesühl aus, das alskräftig wirkender Impuls überall den niedrigen Trieben entgegentritt. Es entsteht durchsie jene allgemeine sittliche Lebenshaltung, welche nicht bloß die große Mehrzahl in denBahnen der Anständigkeit und Rcchtschaffenhcit, sondern auch einen erheblichen, undgerade den führenden Teil der Völker in den Bahnen einer bewußten und beabsichtigtenSittlichkeit sesthält.
Zu jener unbedingten sittlichen Freiheit des Willens allerdings, für welchen dieImperative des Zwanges ganz gleichgültig geworden sind, sür welchen die Vorstellungenvon einer Vergeltung nach dem Tode wegfallen können, ohne zu sittlichen Gefahren zuführen, haben zu allen Zeiten und auch heute nur wenige der edelsten und besten Menschensich erhoben. Und wenn dem so ist, so dürste es klar sein, daß die Auflösung undVerblassung unfcrer religiösen Vorstellungen in breiten Schichten der Gesellschaft nichtbloß eine sittliche, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung haben.
Bis ins vorige Jahrhundert hat es kein großes Kulturvolk gegeben, in dem nichtdas ganze äußere und innere Leben von der einheitlichen Herrschast eines ethischenReligionssystems getragen war. Seine Autorität und seine Regeln beherrschten Staat,Volkswirtschaft, Klassenbildung, Recht, Familie, Tauschverkehr, Geselligkeit gleichmäßig.Jetzt machen wir nicht bloß Versuche, in demselben Staate verschiedene, allerdings meistverwandte, in ihren Grundlehren übereinstimmende und darum wohl neben einanderzu duldende Religionssysteme zuzulassen. Nein, in breiten Schichten erst der höherenGesellschaft, teilweise aber auch schon der unteren Klassen ist das religiöse Empfindenzurückgetreten oder verschwunden; weltliche Ideale und naturwissenschaftliche Betrachtungen