Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

56 Einleitung- Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

es handelt sich um einen Glauben, der die Zweifel beruhigt, das Gemüt beherrscht,der das Gute finden lehrt, der ein klar.es und deutliches Sollen vorschreibt. Alle ältereMoral wird so als das logische Resultat eines religiösen Glaubenssystems ersaßt; siefällt mit Sitte und Recht noch ganz oder teilweise zusammen. Man ist sich, wie wiroben sahen, lange über den Gegensatz von Sünde, Ritualvorschrist, Sitte und Rechtnicht klar. Aber immer zielt die priesterliche Moral schon auf etwas anderes als Sitteund Recht. Die äußeren Satzungen der Priester mögen noch auf Befestigung der gesell-schaftlichen Verfassung gerichtet sein; die Spekulation über den Willen der Gottheitführt zur Erörterung des inneren Seelenlebens der Menschen. Zumal die höherenReligionssysteme erkennen mehr und mehr die Bedeutung der sittlichen Gesinnung fürdas Leben und die Handlungen. Das zusammenhängende einheitliche Nachdenken überdie Ursachen, warum wir gut handeln sollen, über die sittlichen Gefühle, Urteile, Hand-lungen erzeugt die Moral, d. h. einheitliche Lehrgebäude, welche das Gute begreifen,darstellen und lehren wollen, welche aus einheitlichen Grundgedanken und Principiendie sittlichen Pflichten, Tugenden und Güter ableiten wollen. Die Moral, das Moral-system ist so stets im Gegensatz zu Sitte und Recht ein theoretisches und praktischesGanzes; sie will Regeln und Gebote für alles Leben geben, aber sie formuliert sie nichtfest und klar, wie Sitte und Recht. Und sie will nicht bloß das äußere Leben regu-lieren, sondern auch das innere in die rechte Verfassung setzen. Sie will das Gute ansich lehren, sie will überreden, überzeugen, sie will die sittlichen Kräfte schaffen, ausdenen Sitte und Recht selbst als abgeleitete Erscheinungen hcrvorsprießen.

So lange in einem socialen Körper Kirche und Staat zusammenfallen, eine ein-heitliche Kirchenlehre alles innere und äußere Leben beherrscht, giebt es nur die einekirchliche Moral, die eventuell mit Zwang und Gewalt ihre Gebote durchsetzt, ihrenGlauben und ihre Lehrsätze jedem aufdringt. So ist es in den muhamedanischen Staatennoch heute; wie es dort noch kein weltliches Recht neben dem Koran giebt, so giebt esauch noch keine selbständige weltliche Moral. Das Christentum hat einen fertigen Staatvorgefunden, ihn der Kirche zeitweise untergeordnet, ihn mit seinen Säften und An-schauungen ganz erfüllt, aber die beiden Organisationen Staat und Kirche blieben dochstets getrennt. Neben der kirchlichen erhielt sich die philosophische Tradition des Alter-tums. Das Recht und die Sitte der germanischen Völker waren niemals bloß kirchlich;ein weltliches Recht blieb neben dem kirchlichen bestehen. Eine philosophische Moral-spekulation verknüpfte sich im Mittelaltcr mit der kirchlichen, machte sich aber mit derRenaissance der Wissenschaften vom 16.18. Jahrhundert an von ihr los. Die Kämpfeinnerhalb der Kirche erzeugten eine katholische, eine protestantische, eine Sektenmoral.Neben ihnen bildeten sich seit dem 17. Jahrhundert die weltlichen philosophischen Moral-systeme. Und so können wir heute sagen, jede Kirche habe heute ihre Moral, wie jedephilosophische Schule; wir können beifügen, die Moral jedes Volkes, jedes Standes habeihre eigenen Züge. Ein kräftiges, selbständiges Leben hat jedes Moralsystem in demMaße, als es eine Litteratur und Presse erzeugt, in Wissenschaft, Kunst und Schulebesonderen Ausdruck gewinnt, in Geistlichen, Philosophen, Dichtern und Schriftstellernbesondere Träger erhält.

Die selbständige Entwickelung der Moral gegenüber Sitte und Recht hat einerseitsin den verschiedenen persönlichen Trägern, in den verschiedenen Spitzen der betreffendenBewußtseinskreise, andererseits in verschiedener formaler Beschaffenheit, in den verschiedenenZwecken ihren Grund. Sitte und Recht sind Regeln des äußeren Lebens, die Moralumfaßt äußeres und inneres Leben, alles menschliche Handeln und alle Gesinnung.Sitte und Recht sind in bestimmten Geboten und Verboten fixiert; die Moral wendetsich ohne feste Formeln und Sätze an die Wurzel des Handelns, sie will die Seele zumrichtigen Handeln fähig machen, das Gewissen schärfen. Ihr Höhepunkt ist die freieSittlichkeit, die ohne Bindung an schablonenhafte Regeln sicher ist, aus sich herausüberall das Gute und Edle zu thun. Die Moral leuchtet als führende Fackel der Sitteund dem Recht, die ihr gar oft nur zögernd folgen, voran; sie fordert Gesinnungenund Thaten, denen oftmals nur die Sitte der Besten entspricht, die zu einem großen