Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die Moral im Verhältnis zu Sitte und Recht.

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Teil vom Rechte nicht verlangt werden können. Die Sitte' hat in der öffentlichen Mei-nung, in der Ehre, im Klatsch der Nachbarn, das Recht in der Staatsgewalt, die Moralhauptsächlich im Gewissen ihren Exekutor. Die Moral ist ein unendlich feineres, ver-zweigteres Gewebe als Sitte und Recht; aber sie hat keine anderen Mittel, zur Geltungzu kommen, als Überredung und Überzeugung.

Die jeweilig in einem Volke herrschenden und zu Tage tretenden theoretischen undpraktischen Moralsystcme sind der prägnanteste Ausdruck der in ihm herrschenden sitt-lichen Kräfte; Sitte und Recht sind nur ein Ausdruck von Teilen derselben, und zwarost mehr ein Ausdruck für die Beschaffenheit dieser Kräfte in vergangener Zeit. Niemalsaber können Moral, Sitte uud Recht eines Volkes in zu schroffen, zu weiten Gegensatzuntereinander treten, weil alle drei ein Ergebnis der herrschenden sittlichen Gefühle undUrteile sind. Die Moral beherrscht Sitte und Recht oder sucht sie zu beherrschen; jeneist das Allgemeine, diese sind das Besondere. Wo die Moral des Volkes eine gesunde ist,da ist auf eine Besserung von Sitte und Recht auch stets noch zu hoffen. Wo auch dieMoral vergiftet ist, da steht es schlimm. Nur darf man nicht verzagen, wenn in ein-zelnen Klassen eine einseitige und falsche Klassenmoral sich breit macht, wenn in einzelnenphilosophischen Schriftstellern und Künstlern eine verkehrte Moral zu Tage tritt. Diefreie geistig-sittliche Entwickelung kann nicht ohne solche Symptome, zumal in den Zeitengroßer Gärung und Umbildung, sich vollziehen.

29. Die Bedeutung der Differenzierung von Sitte, Recht undMoral. Indem die höheren Kulturvölker diese Scheidung der sittlichen Lebensordnnngin drei Gebiete vollzogen haben, die, unter sich auss engste verwandt, doch selbständignebeneinander stehen, aufeinander wirken, sich korrigieren, verschiedene Teile des gesell-schastlichen Lebens verschieden binden und ordnen, haben sie einen der größten Fort-schritte der Geschichte vollzogen. Nur die Trennung der sittlichen Regeln in Moral,Sitte und Recht erklärt die moderne Freiheit der Individuen einerseits und die Festig-keit unserer heutigen Kulturstaaten andererseits. Es ist eine Arbeitsteilung, welche denZweck zu versolgcn scheint, einen Teil der socialen Lebcnsordnung immer fester, härter,unerbittlicher, einen anderen immer elastischer, sreier, entwickelungsfähiger zu machen.

Nur das Recht verbindet sich mit der Macht und dem staatlichen Zwang; es wirddas seste Rückgrat des socialen Körpers; durch die Sicherheit und Kraft seiner Wirkungallein werden große Staaten und große Wirkungen in ihnen möglich. Bis zur Härtesteigert sich seine Kraft; der einzelne wird unbarmherzig von dieser starren Maschineauf die Seite geworfen, zermalmt, wenn er widerstrebt und sich mit dem Gange derselbennicht eins weiß oder sich nicht fügt. Aber dieser ungeheuere Zuwachs au Kraft und Wirk-samkeit, an einheitlichen Resultaten ist nur möglich durch Beschränkung aus das Wichtigste.Man hat das Recht ein ethisches Minimum genannt (Jellinek); das ist es, verglichenmit dem materiellen Umsang der sittlichen Lebcnsordnung überhaupt; aber es istandererseits ein ethisches Maximum, nämlich an Krast, an Wirksamkeit, an Resultaten.

In der Beschränkung der stets starren Rechtsregeln aus das gesellschaftlich Not-wendigste liegt die Möglichkeit aller individuellen Entwickelung, aller persönlichen Frei-heit. Beide fehlen in den älteren Staaten mit ungeschiedencn, unerbittlichen Sitten undRechtsregeln. Indem bei höherer Kultur die Sittenrcgel elastischer, ihre Exekution schwacherwird, die Moralregel nur noch den Exekutor des eigenen Gewissens hat, entsteht erstdie Möglichkeit vielgestaltiger, eigenartiger Entwickelung, die Möglichkeit, daß neueIdeen rascher zur Wirksamkeit gelangen, daß die Kritik das Veraltete tadelt, daß Neuesin größerem Umfange versucht wird. Dem Princip der fortschreitenden Entwickelung istdamit die Bahn eröffnet, und doch ist sür die Menge nirgends die Regellosigkeit unddie Willkür statuiert. Es sind nur gewisse Teile der Lebensordnung weicher, bildsamergemacht, es sind die Thüren aufgemacht für Ausnahmen und Besonderheiten. Es istdurch die höhere und feinere Ausbildung von Sitte und Moral eine unendliche Viel-gestaltigkeit zugelassen, die, sür das Recht statuiert, den socialen Körper erdrücken würde.

Aus niedriger Kulturstufe straft und tötet, verbrennt und rädert man die Menschenwegen verschiedener Ansichten, man peinigt sie bis aufs Blut wegen Übertretung kirch-