58 Einleitung. Begriff. Psychvlogischc und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
licher Ritualvorschriften, man straft den, welcher auf den polynesischen Inseln die demFürsten vorbehaltenen Speisen berührt, aufs unerbittlichste. Und derartiges war und istnotwendig, so lange Recht, Moral und Sitte nicht geschieden sind. Erst unsere fest-gefügte staatliche Justiz einerseits, die große geistige Kraft unserer Sitte wie unsererausgebildeten Religions- und Moralsysteme. andererseits haben es gestattet, den Rechts-und Strafapparat von Kirche und innerer Überzeugung so weit zu entfernen, daß wiruns darauf beschränken, nur einzelne ganz besondere Ausschreitungen auf diesen Gebietendurch Preß- und Strafrecht zu verbieten. Nur diese Entwickelung ermöglicht es uns,eine Freiheit der Wissenschaft, der Presse, des häuslichen Lebens, der Geselligkeit, desKonsums, der Wirtschaft zu gestatten, die früher undenkbar war.
Damit ist eine Reihe schiefer Vorstellungen widerlegt, die bis in die neuere Zeitin den Staatswissenschaften, zumal in der Nationalökonomie, ihr Wesen trieben.
Die schiefe Theorie von einer natürlichen Gesellschaft und einer natürlichen Volks-wirtschaft, wie sie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstand, beruhteauf einer Verkennung oder Ignorierung der Thatsache, daß alle unsere Handlungen vonMoral, Sitte und Recht beeinflußt sind. Man leitete das gesellschaftliche und wirtschaft-liche Leben aus sog. freien, natürlichen Trieben ab; man nahm an, diesen sei nur aufeinigen bestimmten und beschränkten Punkten durch das Recht ein Zügel angelegt. Imübrigen erschien das möglichst freie Spiel dieser Triebe als das gesellschaftliche Ideal;sie sollten sich in möglichst freiem Kampfe bethätigen. Daß sie doch ein glückliches Gesamt-ergebnis herbeiführen, leitete man aus einer prästabilierten Harmonie ab. Die unbedingte,uneingeschränkte politische, wirtschaftliche und sonstige individuelle Freiheit erschien alsder Ausdruck dieser Lehre. Je unbeschränkter der Erwerbstrieb walte, desto gesündersei die Volkswirtschaft. Die Satire aller Moral, eine brutale Ellbogenmoral derStarken, blieb bei dieser Auffassung vom Sittlichen übrig.
. Wir können in einer solchen Auffassung nur eine Summe von Irrtümern undÜbertreibungen sehen, die freilich Wohl historisch erklärbar sind. Man hatte 1750—1850,in einer Zeit der größten technischen, wirtschaftlichen und socialen Umbildungen, vorallem das Bedürfnis, veraltete sittliche Lebensordnungen zu beseitigen, veraltete Sittenund Rechtsinstitutionen über Bord zu werfen. Man sah in diesem Kampfe eine Rückkehrzum Natürlichen und Gerechten und mußte dabei dem sreieu Triebleben zeitweise sehrgroßen Spielraum gönnen. Aber der ganze Umschwung vollzog sich doch unter Leitungsittlicher Ideen, neuer Moralsysteme, und das letzte Resultat waren überall neue Sittenund neue Rcchtsinstitutionen. Die Frage der wirtschaftlichen und politischen Freiheitwar hier und ist stets nur die Frage der richtigen Grenzregulierung zwischen Sitte,Recht und Moral. Wenn ich ini Krämerladen zusehe, wie ein armes, altes Mütterchendurch schlechten, gefärbten Kaffee betrogen wird, während vielleicht die vornehme Damegute Ware zu solidem Preise erhalt, dann frage ich, ist unsere heutige Moral sogesunken? ist die Sitte der anständigen Geschäftsleute durch eine Übermacht der Konkurrenzins Wanken geraten? Ich frage weiter, ist nicht eine Strafklausel in einem Lebens-mittelfälschungsgesetz vorhanden oder zu schaffen, die solches hindert? ist es wahr-scheinlich, daß sie Besserung schafft, daß sie gerecht und allgemein durchgeführt wird?Der Vernünftige, der heute für freie Konkurrenz, für Beseitigung dieser oder jenerRechtsschranken eintritt, der daraus eine Belebung des Selbstbewußtseins, eine Stärkungder Selbstverantwortlichkeit, sowie aller individuellen Kräfte ableitet, rechtfertigt diesin der Regel nicht damit, daß die Willkür, der Egoismus, das schrankenlose Trieblebenherrschen soll, sondern damit, daß er nachweist, die Moral und die gute Sitte werdevon selbst Vordringen, die Rechtsrcgel sei zu schablonenhaft, schade da und dort, diefreie Umbildung reiche aus, sei vorzuziehen, weil die inneren sittlichen Kräfte genügten.
Der historische Entwickelungsprozeß in Bezug aus diese Fragen wird sich wederin dem Schlagwort des älteren Liberalismus zusammenfassen lassen, die Freiheit erringesich notwendig ein stets zunehmendes Gebiet, noch in die Formel von Lassalle undRodbertus, alle höhere Kultur sei fortschreitende Rechtsregulicrung und Einschränkungder persönlichen Freiheit.,