Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Das Wesen der wirtschaftlichen Freiheit.

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Die Gesamtheit der Regulative von Moral, Sitte und Recht muß in gewissemSinne zunehmen, soscrn die gesellschaftlichen Körper komplizierter werden, die Menschendichter wohnen, die Jntcrcssenkonflikte wachsen. Aber je mehr die Menschen sich innerlichvervollkommnen, desto weniger empfinden sie auch die normalen Regulative als Hemmnisund Schranke. In der großen Scheidung zwischen dem harten Zwang des Rechtes undder leisen Nötigung durch Sitte und Moral liegt der wichtigste Schlüssel für das Ver-ständnis des Fortfchrittcs. Das Recht kann sich vom inneren geistigen Leben, auch vonvielen wirtschaftlichen Vorgängen in dem Maße zurückziehen, als jene kräftiger wirken.Es muß sich bald ausdehnen, bald wieder einschränken. Es thut das erstere aber nichtbloß in Zeiten der sinkenden Kultur und der Auslösung, welche die gesetzgeberischeMaschinerie übermäßig in Anspruch zu nehmen Pflegen. Auch alle Epochen großer undfortschreitender Neubildung sind regelmäßig zugleich Zeiten umfangreicher, specialisierterGesetzgebung und Ausdehnung des Rechtes und des staatlichen Zwanges auf mancherleiGebiete. Oft kann man denselben sreilich nach einigen Jahrzehnten wieder fallen lassen,-weil nun in der Hauptsache von selbst geschieht, was man früher erzwingen mußte.Diejenigen, welche im zeitweisen Vordringen oder Zurückweichen des Rechtes und desstaatlichen Zwanges das wesentliche Symptom des Auf- uud Niederganges der Völkeroder ihrer Wirtschaft sehen, beweisen ein geringes Maß historischer Kenntnisse, sie haftenan formalen Äußerlichkeiten. Der Fortschritt der Völker liegt darin, daß die Gesamtheitihrer Regulative sich formell und materiell bessere, und daß mit deren Hülse die Menschenbesser erzogen, geistig und körperlich aus höhere Stufen gehoben werden. Ob dabeizeitweise das positive Recht eine größere oder kleinere Rolle spiele, ob zeitweise dieAktion der staatlichen Zwangsgewalt eine stärkere sei oder die sreie Bewegung der Volks-kräste, das hängt von den jeweilig im Vordergrunde stehenden Aufgaben und davon ab,wo im Augenblicke mehr Verstand, Kenntnisse und sittliche Krast sei, im Centrumdes Staates, in der Regierung, oder in der Peripherie, in den srcien gesellschaftlichenKräften.

9. Der allgemeine Znsammenhang zwischen volkswirtschaftlichem nnd sittlichem

Leben.

Zu 30, 31 u. 33 siehe die Litteratur der letzten Abschnitte. Außerdem: I. St. Mill, Ge-sammelte Werke. Deutsch 1869 ff.; hauptsächlich das Nutzlichkeitsprincip in Bd. 1. Aue;. Comtc undder Positivismus Bd. 9. Kr ohn, Beiträge zur Kenntnis und Würdigung der Sociologie. I. f.St. 1880 u. 81.

R. v. Mo hl, Die Staatswissenschastcu und die Gesellschaftswissenschaften in: Gesch. u. Litt,der Staatswiss. 1, 1856, S. 67-110. v. Trcitschke, Die Gesellschaftswissenschaft. 1859.

Schmoller , Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft. I. f. G.B. 1880 u. Soc.- n. Gew.-P.Rümelin, Über die Idee der Gerechtigkeit. R, A. Bd. 2. 1881.

Zu 32: Darwin, Die Abstammung des Menschen. Deutsch 1871. Knapp, Darwin uuddie Socialwisscnschaftcn. I. f. N. 1. F. 18, 1872. Fick, Einfluß der Naturwissenschaft aufdas Recht. Daselbst. Schaffte, Der kollektive Kampf ums Dasein! zum Darwinismus vomStaudpunkt der Gesellschaftslehre. Z. f. St.W. 1876 u. 79. Ders., Bau uud Leben des socialenKörpers. Bd. 2, 1878. Haeckel , Freie Wissenschaft und freie Lehre. 1878. O. Schmidt,Darwinismus uud Socialdemokratie. 1878. Gumvlowicz, Der Rassenlampf. 1883.Ammon, Der Darwinismus gegen die Socialdemokratie. 1391. Der!., Die Gesellschafts-ordnung nnd ihre natürlichen Grundlagen. 1895. H. E. Ziegler, Die Naturwisscnschaft unddie socialdemokratische Theorie. 1894. B. Kidd, Sociale Evolution. Tentsche Übers. 1895.Plötz, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. 1895. Thomas H. Hurlev.Sociale Essays. Deutsch 1899. --^51.

30. Natürliche und sittliche Kräste. Man kann die Volkswirtschaft alsein System natürlicher, wie als ein System sittlicher Kräste betrachten; sie ist beideszugleich, je nach dem Standpunkte der Betrachtung.

Blicke ich auf die handelnden Menschen, ihre Triebe, ihre Zahl, aus die Schätzedes Bodens, die Kapital- und Warenvorräte, die technischen Fertigkeiten, die Wirkungvon Angebot und Nachfrage, den Austausch der in bestimmter Menge vorhandenen Diensteund Waren, so sehe ich einen Prozeß ineinander greifender natürlich-technischer Kräste,