gg Einleitung, Begriff. Psychologische nnd sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
ich sehe Kraftwirkungen, die von Größenvcrhältnissen abhängig sind, die ich teilweisemessen kann; ich sehe Resultate, die das Ergebnis von Kraftproben und Machtkämpfensind, die bis auf einen gewissen Grad wenigstens mechanischer Betrachtung unterliegenkönnen. Ich sehe natürlich-technische und physiologische Vorgänge, die, jeder für sichisoliert betrachtet, gar nicht als sittlich oder unsittlich, fondern nur als nützlich, geschickt,zweckmäßig, normal oder als das Gegenteil bezeichnet werden können. Wir werden imfolgenden Grundrisse die natürlichen Kräste und Größenverhältnisse der Volkswirtschaft,den Einfluß von Natur und Technik, das Spiel von Angebot und Nachfrage, die mecha-nische Wirksamkeit der Kräfte, soweit sie irgend faßbar ist, darzustellen suchen.
Alle oder die meisten dieser Kraftäußerungen, soweit sie menschliches Handelnbetreffen, gehen nun aber zurück auf nicht bloß natürliche, fondern durch die geistige undmoralische Entwickelung umgestaltete Gefühle, auf ethisierte Triebe, auf ein geordnetesZusammenwirken natürlicher und höherer, d. h. wesentlich auch sittlicher Gefühle, aufTugenden und Gewohnheiten, welche aus dem sittlichen Gemeinschaftsleben entspringen.Alle diese Kräfte sind bedingt durch die psychischen Massenzusammenhänge, durch sittlicheUrteile und ihre Rückwirkung aus alle Vorstellungen und Willensimpulse, durch Moral,Sitte und Recht, durch Religion und sittliche Leitidecn oder Ideale. Das wirtschaftlicheHandeln ist also zwar nach seiner Naturseite ein technisch zweckmäßiges oder unzweck-mäßiges und deshalb sittlich indifferentes, aber nach seinem Zusammenhang mit denganzen seelischen Kräften und der Gesellschaft ein sittlich normales oder anormales,d. h. ein dem sittlichen Urteil unterliegendes und dadurch beeinflußtes. Natürlichetechnische und sittliche Zweckmäßigkeit können sich unter Umständen in der einzelnenHandlung Wohl trennen, im Zusammenhang des menschlichen Handelns überhaupt sindsie immer in loserer oder engerer Wechselwirkung; sie sind nur die unteren und oberenSprossen derselben Leiter. Das Wesen des Sittlichen besteht eben, wie wir schon sahen,in dem nie ruhenden Prozeß, der die niedrigen Gefühle den höheren unterordnet, derdie Körper- und Geisteskräfte in einheitliche Harmonie bringen, die menschlichen Lebens-zwecke in die richtige Über- und Unterordnung, die einzelnen Menschen den Zweckenund Einrichtungen der Gesellschaft einfügen und immer das Niedrige in den Dienst desHöheren bringen will. In jedem zusammenhängenden Ganzen (und das ist jeder Menschund jede Gesellschaft) haben die Teile nie ein ganz selbständiges Leben; jeder hängt vomanderen ab, kann nur richtig funktionieren, wenn die Nachbarn und das Ganze gesundsind, wenn alle Teile richtig ineinander greisen, in richtiger Neben-, Unter- und Über-ordnung sind. Das Sittliche will diese Ordnung im Individuum und in der Gesellschaftherbeiführen, die einzelnen erziehen, die sympathifchen Gefühle ausbilden, das rechtegesellschaftliche Zusammenwirken herbeiführen. Und die Kräfte, welche im Individuumund der Gesellschaft dahin wirken, nennen wir die sittlichen, obwohl sie ihre natürlicheUnterlage haben, mit natürlich-technischen Mitteln wirken, durch den natürlich-technischenMechanismus der Volkswirtschaft bedingt sind. Sie sind es, welche die Triebe zuTugenden, die Menschen zu Charakteren, die Gesellschaften zu harmonisch und geordnetwirkenden Gesamtkräften machen. Und die Volkswirtschaft sollte dieser Kräfte entratenkönnen?
Schäffle führt aus, das Ideal socialer Mechanik sei die Zusammenordnung zahl-reicher menschlicher Kräfte in der Art, daß die Bewegungen jeder einzelnen mit einemMinimum von Verlust an eigener Krast und unter minimaler Störung aller anderenBewegungen stattfinde; es müsse eben durch Moral, Sitte und Recht eine Koordinationder Kräfte eintreten; das Gaußfche Grundprincip der Mechanik gelte so auch für dieGesellschaft. Durch die Sprache, die Nachahmung, die Erziehung, die gegenseitige An-passung, die Herrschaft der sittlichen Ideen und Einrichtungen entsteht eben die Möglich-keit gesellschaftlich-harmonischen Zusammenwirkens; alle sittlichen Kräfte sind auf diesesZiel hingerichtet; anch das wirtschaftliche Zusammenwirken der Menschen in jeder Familie,jeder Unternehmung, auf jedem Markte, in jeder Gemeinde ist so von dieser koordi-nierenden sittlichen Arbeit abhängig. Und ebenso das Zusammenwirken von heuteauf morgen, von verschiedenen Generationen, die sich folgen.