68 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur nnd Methode.
Jcdc starke, irgendwo sich sammelnde Macht kommt in Konflikt mit den überliefertenOrdnungen, will sie zu ihren Gunsten ändern. Das geht nicht ohne Streit, undinsofern ist dieser der Ausdruck des Lebens, der Neubildung, des Fortschrittes. Es istdas Recht des Kräftigeren und Besseren zu siegen; aber jeder solche Sieg soll nichtbloß das Individuum, sondern zugleich die Gesamtheit fördern. Ist es für diese besser,daß über dem Sieg einzelne zu Grunde gehen, so muß das in den Kauf genommenwerden. Wie in den großen Kämpfen der Geschichte ganze Völker und ganze Klassen,so müssen zu schwache, zurückgebliebene Familien und Personen im wirtschaftlichen undsocialen Kampfe des Lebens untergehen. Verkommene Aristokratien, verkümmerte Mittel-stände, tief gesunkene Schichten des Proletariats sind zeitweife so wenig zu retten, alsan gewissen Stellen körperlich und geistig schwache Individuen. Die Ausstoßung desUnvollkommenen ist der Preis des Fortschrittes in der Entwickelung. Aber ob im ein-zelnen Fall das schwächere Volk, die bedrohte Klasse, die notleidenden Individuen nichtmehr zu retten seien, ob sie nicht neben Fehlern und Schwächennoch entwickelungs-fähige Kräfte haben, ob sie nicht durch Erziehung, Unterstützung, Übergangsmaßregelnzu retten seien, ob nicht der jeweilige Druck gerade neue Eigenschaften zu Tage fördereund sie so wieder emporhebe, das ist eine offene Frage, über die stets nur das Lebenentscheiden kann. Jeder solche Kampf ist ein unendlich komplizierter, von vielen ver-schiedenen Eigenschaften, Konjunkturen und Zufällen abhängiger. Die Regierungen,Parteien und Klassen, die führenden Geister werden je nach ihrer Kenntnis der persön-lichen Kräfte und der Gesamtvcrhältnisse, je nach ihrer Auffassung des Gesamtwohlesund der wünschenswerten Entwickelung bald für Milderung und Einschränkung desKampfes, für Unterstützung der Schwachen, bald für ihre Preisgebung und Gestattungdes Kampfes sein. Nur darf das Losungswort „freie Bahn für den Starken " nichtstets als selbstverständlich gelten: es kommt unter Umständen nicht sowohl der gutenund entwickelungsfähigen, sondern auch der rohen und der gemeinen Kraft zu gute.Der deutsche Bauernstand ist durch eine glückliche Politik vom 17.—19. Jahrhundertgerettet worden, der englische ist zu Grunde gegangen; wollen wir etwa darum England preisen?
So unzweifelhaft es immer Kämpfe wird geben müssen, so sicher ist es oft dieAufgabe der Politik, sie zu mildern und das Entwickelungsfähige zu retten. DieHoffnung der Socialdemokratie, daß es je eine Zeit ohne Konkurrenz, ohne Kampf,ohne Kriege geben werde, ist so einseitig und so falsch, als die Freude des cynischenAristokraten und Millionärs, der das Elend der Massen nur als die notwendige Folgeihrer Schwäche und Fehler, seinen Besitz als die Folge seiner Eigenschaften ansieht. Wirwerden die Hoffnung nicht aufgeben, daß im Laufe der Geschichte auf die Dauer dieStärke siegt, die zugleich die sittlich größere Kraft, die entwickelungsfähigsten Keimein sich birgt. Aber davon giebt es im einzelnen viele Ausnahmen, besonders überallda, wo Ehrlichkeit mit Unehrlichkeit, die Kraft der Vergangenheit mit der der Zukunftringt. Und daher ist der Schutz hiegegen häufig eine sittliche Pflicht der Gesellschaft;sonst müßten wir auch die Diebe, Räuber und Mörder walten lassen.
Die Gefahr, daß wir durch Sitte, Moral und Recht, durch den Schutz der Schwacheneine einschläfernde Streitlosigkeit erzeugen, ist zumal in unserer Zeit sehr gering. Dieheutige wirtschaftliche Konkurrenz ist gegen früher fo enorm gewachsen, daß die weit-gehendsten socialen Reformen und Schutzmaßregeln den schwächeren Elementen der Ge-sellschaft den Schutz und die Hülfe nicht geben, die sie früher hatten. Auch in derhumauisiertesten Gesellschaft wird mit immer dichterer Bevölkerung der Kampf um Ehre,Besitz, Einkommen, Macht nicht aufhören, so wenig als der Kampf zwischen den socialenGruppen und den Staaten aufhören wird, der in gewissem Sinne eben deshalbberechtigter ist, als er stets die einzelnen, die Glieder einer Klasse, die Bürger einesStaates zusammenfaßt, sie nötigt, ihre kleinlichen egoistischen Leidenschaften zurückzudrängenund für Gesamtintcressen materieller und idealer Art einzutreten. Damit wird der Streitzurückgedrängt, der Patriotismus belebt, die sittlichen Kräfte geschult und gefördert.Große Kriege — solche mit günstigen nnd solche mit ungünstigen Erfolgen — wurden