Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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70 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Principien und Ideen, von ihrer Entwickelung, vom Zusammenhang des Einzelschicksalsmit Gott, mit der ganzen Menschheit, mit Staat und Gesellschaft, ein Bild von derZukunft nach dem Tode zu machen. Und von hier aus versteht er die Welt und sichselbst, seiue Aufgaben und seine Pflichten. Der Christ des älteren Mittelalters, der dasbaldige Herannahen des jüngsten Tages erwartete, in der Abtötung des Leibes die erstePflicht, in dieser Welt nur das Böse sah, mußte sehr vieles anders beurteilen, seinHandeln anders einrichten als der Materialist, für den es nur ein Diesseits und sinn-liche Freuden giebt. Wer die Anfänge des Menschengeschlechtes in tierartigen Zuständenerblickt und aus ihnen heraus durch die Annahme großer Fortschritte zum Bilde einernach und nach wachsenden Vervollkommnung der Individuen und der Gesellschaft kommt,muß über die meisten Pflichten und socialen Einrichtungen anders denken, als wer, wie dieKirchenväter, an den Beginn der Geschichte ideale, vollkommene Menschen ohne Sünde,ohne Staat, ohne Eigentum setzt, die nur durch den Sündenfall der Schlechtigkeit ver-fallen sind. Aber auch wo die Gegensätze nicht so groß sind, bleibt immer sür denOptimismus und für den Pessimismus, für antike und christliche, idealistische undmaterialistische Auffassung die Möglichkeit verschiedener Weltanschauung, verschiedenerLebensideale nnd Moralsysteme, die nun bei den höheren Kulturvölkern nebeneinanderbestehen, einander bekämpfen nnd ablösen.

Die Systeme nähern sich einander, je mehr zu ihrem Ausbau eine steigende Summefeststehender Erfahrnngserkenutnis verwendet ist. Aber diese ist stets unvollendet, bruch-stückartig. Und das Wesen der Weltanschauung, des Moralsystems ist es, ein Ganzeszu geben. So steckt in diesen Systemen stets ein Stück Hypothese und Glauben; eshandelt sich um ein teleologisches Verfahren, das, ausgehend von einem Bilde desGanzen, von seineu Zwecken, das einzelne zu begreifen sucht, durch reflektierende Urteilealles Zusammengehörige unter einen einheitlichen Gesichtspunkt ordnet. Kant hat inder Kritik der Urteilskraft uns gezeigt, wie der menschliche Geist notwendig auf einsolches Verfahren angewiesen sei, und die Philosophie hat seither anerkannt, daß dieTelcologie mit Recht als symbolisierende Ergänzung in diesen letzten Fragen der empi-rischen Wissenschaft zur Seite trete. Es handelt sich um die Versuche der Ausdeutungdes Ganzen und seiner Zwecke, um so die Spannkraft des Willens zu erreichen, ohne dienichts Großes zu leisten, kein Fortschritt zu machen ist. Die Vorstellung, daß die Weltüberhaupt eine einheitliche sei, daß es ein einheitliches Stufenreich der Natur und derGeschichte, eine Vervollkommnung gebe, ist, wie aller Gottesglaube, nur auf diesemWege entstanden. Die neuen, zündenden, praktischen Systeme der Religion, der Moralund der Politik erwachsen nur so; ihre Principien sind stets bis aus einen gewissenGrad einseitig, aber sie wirken weltbewegend; sie lösen das Alte auf, erschüttern allesBestehende, sind oft revolutionär; aber sie bauen auch das Neue auf, beherrschen mitihren Principien die Neugestaltung, so einseitig diese zunächst aussallen möge.

Die Rcligions- und Moralsysteme und alle an sie sich anknüpfenden ähnlichenSysteme und allgemeinen Theorien des Staates, des Rechtes, der Volkswirtschaft, derSocialpolitik sind mehr praktische Lebensmächte, als Ergebnisse der strengen Wissenschaft.Während es stets nur ein richtiges, für alle überzeugendes Resultat im Gebiete empirisch-methodischer Forschung und Erkenntnis geben kann, wird es über die praktischen Ideale,über Pflicht und zukünftige Entwickelung, über Bevorzugung des einen Lebens- undGesellschaftszweckes vor dem anderen immer leicht verschiedene Ausfassungen und Lehrengeben. Auch in jenen älteren Tagen, als einheitliche kirchlich-religiöse Überzeugungenganze Stämme und Völker beherrschten, fehlten die Zweifel und die abweichenden Mei-nungen einzelner nicht. Wo aber die höhere Entwickelung mit ihrer freien Kritik, ihrerLitteratur, ihrem Unterricht ein offenes Feld des geistigen Kampfes eröffnet hat, damüssen noch viel mehr als früher die verschiedenen möglichen Weltanschauungen zuentgegengesetzten, sich bekämpfenden Systemen und Lehrgebäuden sühren. Ihr Aufeinander-wirkcn, gefährlich sür niedrig stehende Völker, bedingt gerade die Fortschritte der höherstehenden. Mit ihrer Einseitigkeit werden die verschiedenen Systeme, welche die ver-schiedenen Seiten des menschlichen Lebens repräsentieren, periodisch abwechselnd die Führer