Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Antike Philosophie und Christentum.

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von Kräften, das von der göttlichen Centralkrast, der Vernunft, bewegt wird. Auch in,Menschen lebt das göttliche Gesetz, die naturgesetzliche Vernunft, die ihn zur Gemeinschaftführt, die das menschliche Handeln und die Gesellschaft regiert. Im Anfange bestandein goldenes Zeitalter, das währte, so lange das reine Naturgesetz herrschte; aber auchspäter ist das Naturrecht neben den falschen positiven Gesetzen vorhanden; die menschlichenSatzungen müssen nur wieder in Übereinstimmung mit dem Naturgesetz gebracht werdeu:das wird der Fall sein, wenn alle Leidenschaften von der Vernunft gezähmt sind,wenn alle Menschen leinen Staat ausmachen, in dem die Einzelstaaten enthalten sind,wie die Häuser in einer Stadt. Mag ein stoischer Kaiser, wie Mark Aurel , den mensch-lichen Trieb nach Gemeinschaft und das Vernünftige der Staatseinrichtungen betonthaben, mögen die von der Stoa beherrschten römischen Juristen für das Verständniseiner festgefügten herrschaftlichen Staatsordnung energifch gewirkt haben, das welt-bürgerlich-quietistisch-brüderliche, gesellschaftliche Ideal der entsagenden, den Selbstmordverherrlichenden Stoiker blieb jene Weltgemeinschaft Zenosohne Ehe, ohne Familie,ohne Tempel, ohne'Gerichtshöfe, ohne Gymnasien, ohne Münze", d. h. ein unrealisier-barer Traum, aus dem keine praktische Kraft des Schaffens und keine lebenskräftigeTheorie erwachsen konnte.

36. Das Christentum. Der Neuvlatonismus rückte die sinnliche Welt nocheine Stuse tiefer als die Stoa; er fah im Körper das Gefängnis der Seele, im Todedie Befreiung von Sünde und Zcitlichkeit. Die christliche Erlösungslehre liegt in der-selben Richtung. Die Wiedervereinigung mit Gott, die Erlösung von Sünde und Weltist das Ziel, das alles irdische Thun als eine kurze Vorbereitungszeit fürs Jenseitserscheinen läßt; je mehr der Mensch den irdischen Genüssen und Gütern entsagt, destobesser hat er seine Tage benützt. Stoa, Neuplatonismus und Christentum sind Stufenderselben Leiter, sind die notwendigen Endergebnisse eines geistig-sittlichen Prozesses, deraus dem Zusammenbruch der antiken Kultur zum Höhepunkt des religiös-sittlichenLebens der Menschheit führt. Nur aus der Stimmung der Verzweiflung an Welt undirdischem Dasein heraus konnte jene christliche Sehnsucht nach Gott und Erlösung ent-stehen, welche eine Anspannung der sittlichen Kräfte und sympathischen Gefühle ohneGleichen für Jahrtausende und damit sür die ganze Zukunst eine neue moralische undgesellschaftliche Welt erzeugte.

Freilich war es nur in den langen Jahrhunderten des Niederganges der alten wirt-schaftlichen Kultur und der vorherrschenden Naturalwirtschaft des älteren Mittelaltersmöglich, daß Weltflucht fast noch mehr als brüderliche Liebe, Ertötung der Sinne undbeschaulicher Quietismus als höchste Ideale galten, daß man Arbeit und Eigentumwesentlich als Fluch der Sünde betrachtete, daß man den Gelderwerb überwiegend alsWucher brandmarkte, ein Almoscngeben um.jeden Preis, ohne Überlegung des Erfolges,empfehlen konnte. Es ist heute leicht, die Überspanntheit und Unaussührbarkeit vielerpraktischer Forderungen des mittelalterlich-asketischen Christentums nachzuweisen; nochleichter zu zeigen, daß ein irdischer Gottesstaat im Sinne Augustins auch der Welt-herrschaft und dem Millioncnrcichtume der römischen Kirche durchzuführen unmöglich war.Die vollständige Wcltflucht und die Indifferenz gegen alles Irdische artete in trägenQuietismus, in falfches Urteil über Arbeit und Besitz, in Zerstörung der Gesundheit, dieÜberspannung der Brüderlichkeit in kommunistische Lehren, in Verurteilung aller höherenWirtschaftsformen und Auflösung der Gesellschaft aus. Aber ebenso sicher ist, daß dieseEinseitigkeiten notwendige Begleiterscheinungen jenes moralischen Idealismus waren, derwie ein Sauerteig die Völker des Abendlandes ergriff und emporhob. Es entstand mitdieser christlichen Hingabe an Gott, niit diesen Hoffnungen auf Unsterblichkeit und ewigeSeligkeit ein Gottvertrauen und eine Selbstbeherrschung, die bis zum moralischenHeroismus ging; eine Seelenreinheit und Selbstlosigkeit, ein sich Opfern sür ideale Zweckewurde möglich, wie man es früher nicht gekannt. Die Idee der brüderlichen Liebe,der Nächsten- und Menfchenliebe begann alle Lebensverhältnisse zu durchdringen underzeugte eine Erweichung des harten Eigentumsbegriffes, einen Sieg der gesellschaftlichenund Gattungsinteressen über die egoistischen Jndividual-, Klassen- und Nationalinteressen,