Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Das Wesen der sog. ethischen Principien; die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft.

und Handlungen entspricht, den Gütern, Ehren, socialen Vorzügen, Übeln und Strasengegenüber, welche zu verteilen in der Macht der Gesellschaft liegt, findet es gerecht,wenn in diesen beiden Reihen eine Proportionalität stattfindet, ungerecht, wenn sie fehlt,bezeichnet es als ungerecht, wenn Individuum oder Gruppe gegenüber der Wertung, der sieunterliegen, zu viel von den Vorteilen, zu wenig von den Nachteilen oder Strasen erhalten.

Ich habe anderweitig versucht, den hier vorliegenden psychologisch-socialen Prozeß,soweit er das wirtschaftliche Leben betrifft, genauer zu analysieren und zu zeigen, wiedie successive Ausbildung der komplizierteren wirtschaftlichen Verhältnisse einerseits, derfeineren Gefühle und der geläuterten Urteile in Bezug auf das Gerechte andererseits immerwieder zu anderen praktischen Resultaten führt, wie nur fest krystallisierte, in breitenSchichten zur Herrschaft gelangende Maßstäbe des Gerechten nach und nach das positiveRecht und die Institutionen beherrschen können, wie die formale Grenze aller Rechts-satzungen und das Eingreifen gleichberechtigter anderer oberster sittlicher Ideale dieDurchführbarkeit des Gerechten immer einengt; ich habe hauptsächlich zu zeigen gesucht,daß die Idee der Gerechtigkeit, indem sie jedem einzelnen das Seine zuteilen will, stetsmehr individualistisch ist, die Forderungen der Gesamtheit und ihrer Zwecke nicht ebensoin den Vordergrund rückt, daß also schon deshalb die idealen Forderungen der Gerech-tigkeit nicht stets im positiven Recht praktisch durchsührbar sind. Ick kann hier daseinzelne dieser Untersuchung nicht wiederholen, ebensowenig den Nachweis, wie es kommt,daß verschiedene Menschen, Klassen, Parteien das Gerechte immer leicht verschiedenempfinden und beurteilen.

Das Angeführte genügt als Beweis dafür, daß die großen sittlichen Ideale, soberechtigt sie im ganzen sind, so heilsam sie als Fermente des Fortschrittes bei richtigerBegrenzung und bei richtiger Verbindung untereinander wirken, doch vereinzelt leicht zufalschen Forderungen und zu falscher Beurteilung des Bestehenden führen. Sie stellenstets begrenzte historische Richtungen des Geschehens, partiell berechtigte Zwecke dar. Siehaben sich erst im Leben, in der Ausführung, im Kampfe der Ideen zu bewahren undzu gestalten. Sie werden in der Theorie und im Kampfe der Parteien stets leicht miß-verstanden und überspannt, weil die Grenzen nicht mit ihrer allgemeinen Formulierunggegeben sind. Wenn der Liberale heute sagt: die moderne Volkswirtschaft ruht aufPersönlicher Freiheit uud freiem Eigentum, so ist das so wahr und so falsch, alswenn der Socialist sagt, sie ruht auf zunehmender Vergesellschaftung des Produktions-und des Verteilungsprozesses; in beiden Fällen ist eine thatsächliche und berechtigteBewegungstendenz abstrakt ohne ihre Grenzen in einem allgemeinen Satze ausgesprochenund daher leicht zu falschen Schlüssen zu brauchen.

Alle die vorstehenden Ausführungen werden uns nun zugleich erleichtern, die Ge-schichte der volkswirtschaftlichen Theorien und Systeme zu verstehen, zu der wir unsjetzt wenden. So weit sie in älterer Zeit auseinander gehen, liegt es wesentlich daran,daß einseitig gewisse große sittliche Ideale, die als berechtigte Zeitsorderungen natur-gemäß im Vordergrunde standen, als Bewegungen und Forderungen aller Zeiten, alseinseitige Grundlage der Wissenschaft überhaupt hingestellt wurden.

III. Die geschichtliche Entwickelung der Litteratur nnd dieMethode der Volkswirtschaftslehre.

1. Die Anfänge volkswirtschaftlicher Lehren bis ins 16. Jahrhundert.

Über Definition der Volkswirtschaftslehre: Schmoller, Über einige Grundfragen derSocialpolitik und Volkswirtschaftslehre. 1898. Ders,, Art. Volkswirtschaft und Volkswirtschafts-lehre und -Methode, im H.W. d. St.W.; die ersten Paragraphen der meisten Lehrbücher.

Über die griechisch-römische Litteratur: Bruno Hildebrand , Xeliopuontis et ^listotslisüoetrina äs oeeonomia publica. 184S. Stein, Die staatswissenschaftl. Theorie der Griechen vonPlato und Aristoteles . Z. f. St.W. 1853. Karl Hildebrand, Geschichte und Systeme der Rechts-