74 Einleitung. Begriff. Psuchologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Der einseitige, vom Klassen-' und Parteigeist erfüllte Doktrinarismus, welcher stets gernim Namen der großen idealen Principien redet und einseitig nur die Freiheit oder dieGleichheit oder die Gerechtigkeit auf die Fahne schreibt und aus einer möglichst all-gemeinen Formel des einzelnen Princips die weitgehendsten Folgerungen zieht, jedenVerräter nennt, der nicht das Princip bis in sein Extrem durchführen will, — er irrtgar leicht, verlangt Wahres und Falsches nebeneinander, oft Unmögliches. Schlüsse undTheorien, die so einseitig begründet sind, werden häufig zu ideologischen Kartenhäusern,zu verheerenden revolutionären Fahnen, wenigstens wenn sie in der Hand von Dema-gogen und Schaumgeistern liegen. Ich versuche nur an einigen, in das Wirtschaftslebeneingreifenden Beispielen dies zu zeigen.
Es war ein großer, segensreicher Reformgedanke, als gegenüber unerhörtem Klassen-mißbrauch und veralteten feudalen Rechtsinstitutionen der moderne Staat die Rechts-und Steuerglcichheit, die Zugänglichkcit aller Berufe und Lausbahnen für alle Staats-bürger proklamierte, als neuerdings die Socialreform gleiches Recht für Arbeitgeber und-nehmer forderte. Aber das waren festumgrenzte partielle, den konkreten Zeitverhältuissenrichtig angepaßte Forderungen, während die Fanatiker der Gleichheit alle Unterschiededer Menschen leugnen oder mit Gewalt beseitigen wollen, auch die Verschiedenheit vonAlter und Geschlecht ignorieren, die von Einkommen und Besitz aufheben wollen undso alle höhere Entwickelung, welche stets Differenzierung ist, bedrohen.
Die Freiheit der Rede, der Wissenschaft und des religiösen Bekenntnisses, diePolitische Freiheit in dem festumgrcnztcn Sinne, daß die Regierten auf die Regierungeinen gesetzlichen Einfluß haben, und daß es für jede Regierung eine Grenze ihrer Machtgegenüber der Freiheitssphäre des Individuums gebe, die wirtschaftliche Freiheit in demSinne, daß die mittelalterlichen Zunft-, Markt- und Verkehrsschranken fallen, — das sindfür die Kulturstaaten der Gegenwart große berechtigte Ideale. Aber wenn man schranken-lose Freiheit im wirtschaftlichen Kampfe der Starken mit den Schwachen einführt, soerzeugt man nur harten Druck und brntale Ausbeutung der unteren Klassen; wenn manjeden Betrug und jeden Wucher mit dem Schlagwort der Freiheit verteidigt, so verkenntman, wie wir schon sahen, Moral, Sitte und Recht von Grund aus, wie man durchdie Lehre von der Volkssouvcränität, d. h. die Lehre, daß die Summe der Regiertendie Regierung jeden Moment in Frage stellen dürfe, die politische Freiheit in ihr Gegen-teil, in die Herrschaft von Demagogen und zufälligen Majoritäten oder gar Minoritätenüber die Masse der vernünftigen und besseren Bürger verwandelt. —
Die Idee der Gerechtigkeit, schon von den Juden, Griechen und Römern, dannvon den neueren Kulturvölkern, von Religion, Philosophie und Positivem Rechte in langerEntwickelung ausgebildet, an die edelsten Gefühle anknüpfend, fpielt in allem gesellschaftliehen Leben, vor allem auch in der Volkswirtschaft eine maßgebende Rolle; sie giebtfür alles gesellschaftliche Leben die idealen Maßstäbe, nach denen geprüft wird, wie weitdie Wirklichkeit dem ..Gerechten " entspreche; sie begleitet uuscre wirtschaftlichen undsocialen Handlungen und unterwirft sie einer stets erneuten Kritik. Bei jedem Tausch-geschäft, bei jedem gezahlten Lohn, bei jeder wirtschaftlichen Institution wird gefragt,ob sie gerecht seien. Und aus den Antworten cutspringen.Gefühle, Urteile, Willens-anläufe, die sich wenigstens teilweise in Reformtendenzen, Änderungen der Sitte, desRechtes, der ganzen volkswirtschaftlichen Verfassung umsetzen. Wer weiß nicht, daß dieGewerbefrciheit, die Handelsfreiheit, der freie Arbeitsvertrag im Namen der Gerechtigkeitgefordert wurde und nur unter dieser Fahne siegte? daß aber auch alle Forderungendes Socialismus an Gefühle und Betrachtungen anknüpfen, welche den Betreffenden alsGerechtigkeitsforderungen sich darstellen, daß jede Revolution und alle ihre Greuel sichmit dieser Fahne decken zu können glaubten.
Daraus ergiebt sich schon, daß das Princip der Gerechtigkeit kein einfaches ist,aus dem alle ihre Forderungen mit unfehlbarer Sicherheit, mit einer für alle Menschengleichen Evidenz abzuleiten wären. Es ist eine der stärksten idealen Lebensmächte. Mitimmer gleicher psychologischer Notwendigkeit vergleicht unser Inneres stets die irgendwiezusammengehörigen Menschen und stellt sie in einer Ordnung, die ihren Eigenschaften