Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die Leitideen und Ziele der verschiedenen Moralstisteine.

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Die Moralsysteme, welche den Egoismus überhaupt oder den verfeinerten Egoismusals Grundprincip predigten, haben sich in neuerer Zeit teils zu einer individuellen Gluck-seligkeitstehre, teils zu der Theorie erhoben, daß aller sittliche Fortschritt in dem Strebenbestehe, die größte Summe von Glück oder Lust für die größte Menschenzahl her-zustellen; diese Utilitätslehre, scheinbar von Christentum und idealistischer Moral soweit entfernt, will in den Händen edler und feinfühliger Ethiker und Politiker im ganzendasselbe. Sagt doch selbst Lotzc:alle moralischen Gesetze sind Maximen der allgemeinenLustökouomie". Auch die idealistischen Systeme schmuggeln indirekt eine Glückslchre ein.Die Wirksamkeit dieser realistischen Schule ist in der Gegenwart sast noch im Wachsen;der ganze englische Radikalismus mit seinen politischen und wirtschaftlichen Idealen istauf diefem Boden erwachsen. Aber freilich kann dieses Ideal der Glückssteigernng jenach der Klassifikatiou, nach der Einzeldarstellung und Ausführung der Lustarten sehrverschieden sich gestalten und deshalb ebenso leicht zu irreführenden socialen Ideen, zueiner falschen Ordnung der menschlichen Zwecke als zu einer richtigen führen. Auchdem feinsten Theoretiker des Militarismus, I. St. Mill, ist es nicht gelungen zubeweisen, daß seine Behauptung, es sei vorzuziehen, ein unbefriedigter Mensch, als einbefriedigtes Schwein zu sein, allgemein geteilt werde und als Princip den sittlichenFortschritt beherrschen könne.

Die idealistischen Moralsysteme haben ihre Formeln und idealistischen Zweck-gedanken aus der sittlichen und politischen Geschichte der Menschheit abstrahiert; ichnenne nur: die Hingabe des Menschen an Gott und an die gesellschaftlichen Gemein-schaften fowie die Ausbildung der Persönlichkeit (mit der Selbstbehauptung und Berufs-ausbildung), die fortschreitende Vervollkommnung des einzelnen und der Gesellschaft, dieAusbildung des Wohlwollens, des Mitleides,' des sog. Altruismus, die Ideen derGerechtigkeit, der Freiheit und der Gleichheit. Es sind Ideale und Zweckideen, welcheseit Jahrtausenden ausgebildet, auch in allen höheren Religionen im Mittelpunkte derethischen Betrachtung stehen, ja in allen Kulturmenschen einen wesentlichen Bestandteilihres höheren Gefühlslebens, ihrer Pflichtbcgriffe, ihres gesellschaftlichen Handelns bilden.Ihre jeweilige Gestaltung in den leitenden Geistern, in der herrschenden Litteratur, in'den Strömungen der Zeit drückt dem praktischen Leben, vor allem auch dem volks-wirtschaftlichen und socialen, feinen Stempel auf; und zwar deshalb mehr als die nochso seinen Überlegungen und Vorstellungen der Lustvermehrung, weil solche Ideale mitdem Siege der höheren Gefühle stets an sich an Kraft gewinnen und zumal in bewegtenZeiten die Herzen der Masse ganz anders erfassen, elektrisieren können als jene.

Ihre jeweilige praktische Einzclgestaltung erhalten diese Leitideen und Zweckidealcdurch die natürlichen, technischen, wirtschaftlichen und socialen Zustände des betreffendenVolkes; ihre innerste Natur aber liegt im sittlichen Wesen des Menschen und seinergesellschaftlich-historischen Entwickelung überhaupt; es sind Ideale, die vor Jahrtausendenschon in derselben Grundrichtung wirkten wie heute und wie sie in späteren Jahrtausende»wirken werden. Es wird keine Zeit kommen, in der man nicht Billigkeit und Gerechtig-keit, Wohlwollen und Hingabe an die socialen Gemeinschaften als Ideale anerkennenwird. In ihrer allgemeinen Tendenz und Wirksamkeit sind diese Ideen das höchste, wasim menschlichen Geiste existiert. Sie stellen auch die höchsten Kräfte der Geschichte undder gesellschaftlichen Entwickelung dar. Sie werden immer als die Führer auf demPfade des Fortschrittes dienen. Die großen Zeiten und Männer sind es, welche imKampfe sür sie Reformen durchgefetzt haben. Das gilt auch für alle wirtschaftliche»und socialen Reformen.

Aber das schließt nicht aus, daß daneben in ihrem Namen oft das Thörichtstegefordert wurde. Jedes einzelne diefer Ideale drückt eine partielle Richtung der psychisch-sittlichen und gesellschaftlichen Entwickelung aus, ohne Maß, Grenzen, Gestaltung derselben,Möglichkeit der Durchführung anzugeben. Jedes hat sich im praktischen Leben zu paarenmit einem gewissermaßen entgegengesetzten Ideal: die Ausbildung des Individuums mußsich der der Gesellschaft anpassen und unterordnen; die Selbstbehauptung muß sich mitden Forderungen des Staates, die Freiheit mit der Ordnung des Ganzen vertragen.