Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Die Bedeutung der Statistik.

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erlaubt Hypothesen, bestätigt oder beseitigt sie. Aber nicht mehr. Und dann: es sindimmer nur wenige äußerliche Fragen, die gestellt und präcis beantwortet werden können.Man kann das Vieh zählen, aber kaum das Gewicht jedes Ochsen feststellen; man kanndie vor Gericht oder Polizei kommenden Verbrechen zählen, aber nicht die begangenennoch weniger ihre innerliche Qualifikation; man kann feststellen, zu welchem Preise aneinem Tage auf einem Markte nach dem Urteil eines Sachverständigen gehandelt wurde,aber nie alle wirklich verabredeten und gezahlten Preise und alle zu solchen' Preisengeschlossenen Verträge feststellen. Jede Zahl ohne Kenntnis ihrer Entstehungsgeschichteist problematisch, schon weil die Gruppenabgrenzung des Gezählten so oft zweifelhaft ist.Die Statistik ist und bleibt ein roher Apparat, in der Hand des Dilettanten ein Mitteldes Mißbrauches und des Irrtums, nur in der Hand des Kenners und Meisters, desnüchternen, wahrheitsuchcndcn Gelehrten ein Schlüssel zu tieferer Erkenntnis.

Und doch, was hat sie schon geleistet! Sie hat die Bevölkerungslehre und Moral-statistik erst geschossen; sie hat dem ganzen deskriptiven Teil der Staats- und Social-wissenschasten erst Präcision und wissenschaftlichen Charakter gegeben, sie hat die abstraktenSchlüsse ans den Quantitätsverhältnissen in der Wert- und Prcislehre aus ihr rechtesMaß zurückgeführt, zahllose Irrtümer in der Geld- und Kreditlchre, in der Frage derGctreidepreise, der Löhne, des Konsums, der Ernteergebnisse beseitigt. Sie hat dasnaturalistische Wirtschaften mit Phrasen und halbwahren Hypothesen auf dem ganzenWissensgebiet eingeschränkt; die Fragestellungen überall verschärft, ein gelehrtes systema-tisches Versahren an die Stelle des Raisonnierens aus dem Handgelenk gesetzt.

Die Männer, welche sich um ihre Ausbildung in den statistischen Ämtern haupt-sächlich verdient gemacht haben, sind: I. G. Hoffmann in Preußen , der auch durch feinerealistischen Schriften (Lehre vom Geld, 1838; Lehre von den Steuern, 1840; Befugniszum Gewerbebetrieb, 1841) zu den vorzüglichen Darstellern konkreter Wirtschaftsverhält-nisse gehört; der Astronom und Naturforscher L. A. I. Quctelet, der die belgischeStatistik zeitweife zur ersten in Europa machte und durch sein Buch (8ur 1'Iiomms,2 Bde., 1835, deutsch 1838) mit seinen freilich schiefen, mechanifch-naturalistischen Ten-denzen einen Jahrzehnte dauernden fruchtbaren wissenschaftlichen Streit anregte; Moreaudc Jonnös, der von 1833 an die französische Statistik leitete und eine Reihe wertvollerstatistisch-historischer Werke schrieb; Ernst Engel , der mit einer naturwissenschaftlich-techno-logischen Bildung den Spuren Quctelets folgte und die sächsische und preußische Statistiknach dem Vorbilde der belgischen mit seltener Rührigkeit und Beweglichkeit ausbildete;Georg v. Mayr, der nach dem Vorgang Hermanns die bayrische Statistik sür viele Jahremit znr angesehensten in Deutschland erhob und allgemeine Werke über Statistik schrieb(Gesetzmäßigkeit im Gcscllschaftsleben, 1377; Statistik und Gesellschaftslehre, 2 Bde.,189497), neuerdings ein statistisches Archiv als Zeitschrift begründete (seit 1890);endlich Gustav Rümelin , der eine Reihe musterhafter Arbeiten über die württcmbergischeStatistik und über die Theorie der Statistik (in seinen Reden und Aufsätzen, 3 Bde.)lieferte. Neuerdings hat sich hauptsächlich die italienische Statistik unter Lnigi Bodio durchumsangreiche und tüchtige Leistungen ausgezeichnet. Und in Frankreich steht jetztErnest Levasseur mit seinem großen historisch-statistischen Werke I.a Kopulation lrancaise(3 Bde., 1889 ff.) an der Spitze.

Über das Wesen der Statistik als Wissenschaft haben außer den Genannten sichin bemerkenswerter Weise ausgesprochen: Karl Knies (Die Statistik als selbständigeWissenschaft, 1850), G. F. Knapp (Die neueren Ansichten über Moralstatistik, I. s. N.1. F. 16, 1871; über Quetelet , daselbst 18, 1873; Theorie des Bevölkerungswcchsels,1874), W. Lexis (Theorie der Masscnerscheinungen in der menfchlichen Gesellschaft, 1877),Manrice Block (1rait6 tliöoricius et xratiauö äs 1a. statisti^ue, 1878, deutsch 1879von v. Scheel), August Mcitzen (Geschichte, Theorie und Technik der Statistik, 1886),W. Wcstcrgaard (Grundzüge der Theorie der Statistik, 1890). Die Bevolkcrungslehrehaben 1859 Wappüus, die Moralstatistik 1868 von Octtingen, die VcrwaltungsstatistikE. Mischler (1 Bd.), 1892 in ihren wesentlichen Resultaten zusammengefaßt.