Die Rassen; die Nererbung und Variabilität.
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erben. Jeder Arzt, jeder Reisende, jeder Menschenkenner bestätigt es, daß die Körper-und Schädelbildung, die Hautfarbe und Haarart, die Sinnesorgane, die Instinkte, dieGesten, die Gefühle und Charaktereigenschaften, sowie viele geistige Züge und Begabungensich im ganzen vererben. Die primitivsten Völker gehen davon aus wie alle Gesellschafts-einrichtung seit Jahrtausenden. Die Römer sagten: I'ortsL eieantur t'm-tidus et Iwuis.
So unzweifelhaft nun aber die Thatsache der Vererbuug gleicher Eigenschaften imganzen ist, im einzelnen kommen die verschiedensten Modifikationen vor und stellen sichZweifel darüber ein, wie weit das Princip der Vererbung reiche. Vater uud Muttersind selbst, auch wenn sie demselben Kreise oder Geschlechte, demselben Volke angehören,verschieden; das eine Kind gleicht dem Vater, das zweite der Mutter, das dritte irgendeinem Vorfahren, und ganz gleichen die Kinder nie den Eltern. Wir wissen, daß wieder Typus der Haustiere, so auch der Habitus bestimmter Völker sich geändert hat;fchon die Differenzierung der Völker aus den Rassen zeigt dies. Weder die Völker nochdie Rassen sind ganz konstant; wir halten ja auch die Pflanzen und Tierarten heutenach den Forschungen Darwins, Wallaces und anderer nicht mehr für ganz konstant.Wir müssen also annehmen, daß eine Reihe von Umständen in den folgenden Gene-rationen kleine Abweichungen des im ganzen feststehenden Typus erzeugen: das Principder Variabilität begrenzt das der Vererbung. Wenn die Vererbung immergleiche Wesen schaffen würde, so wäre die Entwickelung des heutigen Menschen ausseinen rohen Ahnen nicht denkbar. Würden die Variationen im Lause der Entwickelungsich nicht vererben, so wäre es nicht möglich, daß wir neben lange stillstehenden auf-steigende und sinkende Rassen und Völker hätten.
Die Voraussetzung der Vererbung körperlicher Eigenschaften ist klar, sie liegt imWesen des physiologischen Abstammungsprozesses; aber daß auch Instinkte, Gefühle,Charaktereigenschaften, Neigungen, Dispositionen, geistige Eigenschaften sich vererben, leugnetheute kein Naturforscher; die Voraussetzung hiefür ist, daß diese Eigenschaften irgendwieim Gehirn und Nervensystem einen physiologischen Ausdruck gefunden haben uud fo aufdie Nachkommen übergehen. Je komplizierter die höheren menschlichen Eigenschaftensind, desto mehr scheinen sie allerdings körperlich und geistig individuell und nicht ver-erbbar zu sein. Die Grenze zwischen dem Vererblichen und Nichtvererbliehen steht heutenoch keineswegs sest. Aber auch die gegen das Princip der Vererblichkeit am meistensich kritisch verhaltenden Forscher geben doch zu, daß den heutigen Kulturvölkern eineererbte Geistes- und Gesühlsgeschichte von Jahrtausenden aufs Gesicht geschrieben sei.Spencer führt die sogenannten angeborenen Denkformen aus erblich gewordene Erfahrungenzurück, die im Gehirn ungezählter Generationen erblich fixiert seien. Darwin sagt: „Esist nicht unwahrscheinlich, daß die tugendhaften Neigungen nach langer Übung vererbtwerden." Man hat gemeint, die Erblichkeit sei für die Art etwas Analoges wie dasGedächtnis für die Individuen: ein großes Anhäufungs-, Sammel-, Kondensierungs-instrument.
Die Voraussetzung der Variation liegt in dem einfachen Umstand, daß zwar dieRasseneigenschaften der beiden Eltern nebst denen ihrer Voreltern die ausschlaggebendenHauptursachen für die Art ihrer Nachkommen sind, daß aber daneben Gesuudheit, Alter,Ernährung, zufällige Lebensverhältnisse der Eltern, das Überwiegen des Einflusses vonVater oder Mutter, in weiterer Linie alle Bedingungen, welche auf die Eltern und dasKind vor, während und nach Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt wirken, wieKlima, Lebensweise, Ernährung, Beruf, Staats- und Gesellschastsverfassung, Wohn- undGesundheitsverhältnisse, leichte und schwere Existenz, Kampf nms Dasein, Jugend-behandlung und Erziehung, — daß alle diese Umstünde als modifizierende Nebenursachenauf jedes einzelne Individuum wirken. So stellt jeder Mensch im Augenblicke seiner Geburteine eigenartige Modifikation seiner Vorfahren dar und wird nun selbst durch Umgebung,Erziehung und Schicksal nach dieser oder jener Seite hin weiter umgebildet. Wirkommen gleich aus den Streit, inwieweit diese sogenannten erworbenen Eigenschaften ver-erblich seien. Jedenfalls ist klar, daß durch den Einfluß aller dieser Nebenursachen dermittlere Rassen- oder Volkstypus, der in jedem Menschen vorhanden ist, eine kleine