Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Abweichung erfahrt oder erfahren kann. Diese Abweichung ist unter Umständen einebloß individuelle, nicht sich weiter vererbende; sie kann aber, zumal wenn beide Elternunter denselben Nebenursachen stehen, wenn diese sich durch Generationen fortsetzen, wenndie Modifikation sich mit dem vorherrschenden Typus gut verträgt und deshalb mitihm verschmilzt, zu einer erblichen werden. Und dies wird in dein Maße leichter undstärker geschehen, als diese Nebenursachen ihre modifizierende Wirknng auf eine größereund in sich geschlossene Zahl von Menschen, die unter sich geschlechtlichen Verkehr haben,lange Zeiträume hindurch ausüben. Die Variation befestigt sich dadurch, wird zu einemneuen, besonderen Typus, der nnn, sei es sür immer, sei es für sehr lange Zeiten, sichgleichmäßig erhält.

Damit haben wir die Möglichkeit, die einheitliche Entstehung der verschiedenenRassen und Völker zu verstehen. Der Streit darüber, ob die heute lebenden 1500Millionen Menschen einheitlichen oder mehrfachen Ursprunges seien, ist sreilich noch nichtgeschlichtet; manche Naturforscher leugnen die Einheit, Darwin bejaht sie. Die Wahr-scheinlichkeit, daß die amerikanischen Ureinwohner mongolischer Abkunft seien, spricht sürsie. Ebenso die Thatsache, daß fast alle Rassen sich gegenseitig mit Erfolg begatten,daß die Entwickelung der Sprache, der Gebräuche und Neigungen, der Werkzeuge undWaffen, der sittlichen Vorstellungen und Gesellschaftseinrichtungen doch bei allen eineähnliche ist, daß alle Rassen in eine gewisse Wechselwirkung treten. Wenn daneben dieNatur- und die Kulturvölker, die Passiven und die aktiven Rassen außerordentlich großeUnterschiede zeigen, wenn die plötzliche Übertragung der Einrichtungen und Sitten derhöheren auf die niederen letztere oft vernichtet, so beweist das nicht sowohl gegen dieEinheit als für die große Verschiedenheit und die unendlich langen Epochen der Ent-wickelung, sür den durch die Variabilität erzeugten Fortschritt der höheren Rassen. Dieniederen sieht man heute allgemein als den Typus der ältesten Menschenart an, welchenwahrscheinlich manche noch niedriger stehende ausgestorbene vorangingen.

Bei der Kompliziertheit des Entwickelungsprozesses der Rassen und Völker, beidem großen Einfluß der unten noch zu besprechenden Rasscnmischung ist es naheliegend,daß alle Versuche, Klarheit über ihr Verhältnis zu schaffen durch eine Einteilung jenach einem einzigen Merkmal, wie Hautfarbe, Schädelform und -Größe, Haarart und--Farbe, Heimatland und Sprache scheitern mußten. Wir haben uns hier auch nichtmit der Frage aufzuhalten, wie viele Haupt- und Nebenrassen es gebe: die abend-ländische, weiße (kaukasische) und die mongolische, gelbe mit je etwa SSO Millionen, dieschwarze der Neger mit etwa 200 Millionen Menschen sind jedenfalls die wichtigsten.

Daß die verschiedenen Rassen ausschließlich oder ganz überwiegend durch den natür-lichen Daseinskampf der Individuen und Gruppen und die geschlechtliche Zuchtwahl,durch welche jeweilig die höchststehenden Männer und Weiber sich begatteten und einehöher stehende, sich den Lebensbedingungen besser anpassende Nachkommenschaft erzielten,entstanden seien, wie Darwin will, wird heute nicht mehr zuzugeben sein. Darwin selbst hat seine Gedanken hierüber nicht näher ausgeführt. Der brutale Daseinskampfhat sicher viele schwächere Stämme vernichtet; innerhalb derselben hat er zumal früherkeine große Rolle gespielt, wie wir schon sahen; die geschlechtliche Zuchtwahl hat inner-halb der Völker Wohl einzelne Familien und Klassen emporgehoben, die aber keineswegsdann immer die kinderreichsten waren; sie kann einzelne Rassen verändert haben; wiesie die Rassen- und Völker s ch c i d u n g beherrscht oder beeinflußt habe, ist nicht rechtersichtlich. Ansprechender scheint daher die Migrationstheorie von Moritz Wagner,welche die Darwinsche nicht negiert, sondern als Bestandteil, aber von geringerer Be-deutung, einschließt. Dieser große Reisende und Naturforscher verlegt mit vielen anderendie Entstehung des eigentlichen Menschen in das Ende der Tertiärzeit, also in eineEpoche der größten Veränderungen der Erdoberfläche und der Lebensbedingungen füralle organischen Wesen. Er knüpft hieran und an die Wanderungen aller Lebewesen undspeciell der Menschen an; er läßt die Menschenrassen, wie die Tier- und Pflanzenartendurch Wanderung von Jndividuenpaaren oder kleinen Gruppen nach verschiedenen Welt-teilen mit verschiedenem Klima, verschiedenen Lebensbedingungen in eben dieser Zeit