Wirkung von Klima, Lebensweise und Erziehung auf den Rassentupus.
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gemäßigten Klima. Ein solcher Völkerkenner wie Livingstone betont immer wieder, dieRasse sei viel wichtiger als das Klima; ich möchte sagen: was wir mit Rasse bezeichnen,sind die innersten, intimsten, seit Jahrtausenden natürlichchhysiologisch fixierten, nursehr schwer modifizierbaren Ursachen; um diese lagern sich in weitem Umkreise, immerweniger, immer indirekter wirkend, die äußeren Naturverhältnisse. Der Zusammenhangund die Wechselwirkung zwischen den centralen und peripherischen Ursachen bleibt; derMensch ist nicht unabhängig von der äußeren Natur, aber die Abhängigkeit nimmt mitder Kultur ab.
Niedrigstehende Rassen sterben in ungewohntem Klima, höhere wissen durch geschickteLebensführung sich anzupassen, zu erhalten; sie werden zwar durch Verpflanzung inanderes Klima in einzelnen Beziehungen andere, aber nie werden sie das, was die stetsdort lebenden Rassen sind.
Ist es richtig, daß die Variabilität früher größer war, daß die physiologischeUmbildung des Rassentypus zu gewissen, für immer feststehenden Resultaten führte, soist es auch sehr leicht verständlich, daß alle Umbildung durch äußere Einflüsse heuteihre festen Grenzen hat, daß man sagen konnte, jedenfalls nicht das Klima, in dem dieKaukasier in den letzten Jahrhunderten, sondern das, in dem sie früher viele Jahrtausendelebten, hätte ihnen seinen Stempel ausgedrückt. —
Zu den äußeren Einflüssen, welche auf die körperliche und geistige Konstitutionder Menschengruppeu wirken, gehören nun auch Lebensweise, Beschäftigung, Ernährungund Erziehung. Bleiben wir zunächst bei den drei ersteren, so haben sie sicher einengrößeren Einfluß als das Klima; soweit das letztere wirkt, geschieht es wesentlichdurch sie. Wenn Ratzcl sagt, der Araber erhielt,, als Hirte, Nomade, Reiter, Räubermit der Zeit anders gebaute Gliedmaßen als der Ägypter, der seit Jahrtausenden Lastenträgt, hackt, Pflügt, Wasser schöpft, so hat er sicher recht. Die aus solche Weise aus-gebildete Verschiedenheit der Völkerthpen setzt sich in der socialen Klassenbildung fort, wiewir unten sehen werden, hat aber innerhalb desselben Volkes immer ein Gegengewichtin der Blutsmischung der Klassen und der einheitlichen geistig-moralischen Atmosphäre,welche aus die Völker im ganzen wirkt. Diese Gegenwirkungen sehlen, soweit getrenntwohnende Stämme und Völker durch verschiedene Lebensweise und Beschäftigungdifferenziert werden.
Ob die Erziehung und aller Einfluß geistiger Faktoren, wie Sprache, Sitte,Recht, all' das, was wir oben (S. 15 ff.) unter dem Begriff der geistigen Kollektivkrästezusammengefaßt haben, den Rassen- und Völkcrtypus überhaupt beeinflusse und inwelchem Maße, ist eine vielerörterte Frage. Locke, Hume, Helvetius , Lamarque undseine Nachfolger, heute die Socialisten und manche Sociologen, z. B. Babington, sindgeneigt, auf diese Ursachen allein den Volkscharakter wie den der Individuen zurück-zuführen. Die Theorie von der Wirkung des „Milieu" wird überspannt: sociale undErziehungseinrichtungen sollen aus jedem Menschen alles machen können. Es ist dieder Überschätzung des Naturcinflusses entgegengesetzte Übertreibung.,
So viel ist richtig, daß der einzelne, die Klasse, das Volk zwar einerseits unterder Herrschaft ererbter Eigenschaften, Instinkte, unbewußter Gesühle und Willcns-regungen, andererseits aber unter dem Einfluß des großen geistigen Fluidums stehen,das sie umgiebt, das durch Nachahmung, Erziehung und gesellschaftliche Berührungwirkt. Die Abgrenzung dieser zwei Ursachenrcihen ist um so schwieriger, als jededauernde Wirkung der letzteren Art zu Sitte und Gewohnheit wird, sich nach und nachauch physiologisch im körperlichen Organismus ausprägt und so beginnt, in das Bereichder vererblichen Faktoren überzugehen. Ist so der Gegensatz der erblichen und der durchgeistige Beeinflussung neu geschaffenen Eigenschaften kein schroffer sondern nur ein gra-dueller, so ist damit auch zugegeben, daß die durch Erziehung oder sonstwie erfolgendeAbstempelung der Individuen und weiterer Kreise eben in dem Maße Typen bildend sei,als es sich um dauernde Einflüsse handelt. Es ist klar, daß die geistige Umgebung, diedauernd in gewisser Richtung wirkt, zu einer Stütze und Voraussetzung für gewisse Zügedes Volks- und Rassencharakters wird. Zugleich aber werden wir betonen, daß jedes
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, I, lg