Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Wegfallen dieser Stützen, dieses Erziehungsprozesscs die Existenz dieser Züge des Cha-raktcrs bedrohe. Wir werden annehmen, daß, um je feinere und individuellere Zügees sich handele, desto weniger die Umbildung in erbliche Eigenschaften gelinge, destoausschließlicher die Wirkung des Milien sei. Aber eine gewisse Grenze haben alle dieseEinflüsse doch. Ribot sagt! Die Erziehung gestaltet um, aber sie schafft nicht; sie wirktmehr auf die mittleren, als auf die hoch- und die nicdrigstehendcn Individuen; sie bleibtmehr ein Kleid, ein Firnis gegenüber dem Ererbten.

Alle Erziehung, aller Einfluß der Umgebung ist eine neue, nur kurz dauerndeWirkung; in den ererbten Rasseeigcnschaftcn steckt eine angehäufte, befestigte Wirkungvon Jahrhunderten und Jahrtausenden. Und deshalb ist die Rassenmischung so tief-greifend, auf die wir nun noch einen Blick werfen.

Wir verstehen unter Rassen Mischung den geschlechtlichen Verkehr, der zwischenden Mitgliedern verschiedener Rassen und Völker stattfindet und die Erzeugung vonMischlingen zur Folge hat. Sie findet statt, wo verschiedene Rassen und Völker infolgevon Eroberung und Unterwerfung, von Ein- und Auswanderung durcheinander wohnen,wo durch Sklavencinfuhr, durch Raub- und Kaufehe, wo an Grenz- und Handelsplätzeneine gemischte Bevölkerung vorhanden ist. Sie entfernt sich, wo ganz nahe verwandteRassenelemente sich mischen, von der gewöhnlichen Blutsmischung größerer Völker nicht;denn diese haben stets etwas verschiedene Elemente in sich, wie es z. B. Engländer undSchotten sind. Wo es sich um die Mischung weit abstehender Rassen handelt wiez. B. bei der von Kaukasiern mit Negern, Australiern und Indianern, muß sie ganzandere Folgen haben.

Es ist damit schon ausgesprochen, welche verschiedenen thatsächlichen Verhältnissennt dem Worte Rassenkreuzung umfaßt werden. Und es ist damit auch begreiflich,wenn verschiedene Gelehrte, welche das eine oder das andere Extrem dieser thatsächlichenMischungen im Auge haben, über die Folgen so ganz Verschiedenes aussagen. Stets aberhandelt es sich um die Thatsache, daß Menschen verschiedener Rasse oder Volkes, d. h.also von erheblicher körperlicher und geistiger Verschiedenheit, aus verschiedenen Lebcns-bedingungen, aus verschiedenem Klima ursprünglich stammend, mit sehr verschieden ver«erblichen Anlagen Kinder zeugen; und es ist klar, daß damit eine Möglichkeit so starkerund rascher Variation entsteht wie sonst niemals. Es werden Menschen geboren, die insich einen gemischten Typns darstellen und einen neuen schaffen, wenn die Mischung eineumfangreiche und fortgesetzte ist. Zugleich ist aber naheliegend, daß Menschen entstehen,die zunächst mehr oder weniger unausgeglichene körperliche und geistige Gegensätze insich vereinigen; und sie sollen nun in einer Gesellschaft leben und wirken, welcheaußer ihnen die zwei oder mehr verschiedenen älteren Rassenthpen in sich enthält, wo-durch für alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen die größten Schwierig-keiten sich ergeben; zu den heterogenen Rassetypen kommen verschiedene sittliche undgeistige Atmosphären. Stets handelt es sich um einen schwierigen, meist lange dauerndenphysiologisch-körperlichen und gesellschaftlich-geistigen Verschmelzungsprozeß.

Für beide ist es klar, daß sie um so leichter gelingen, um so rascher zu ciuemtüchtigen neuen, ausgeglichenen Rassentypus und Gesellschaftszustand führen können,wenn der Abstand der gekreuzten Elemente ein geringer war. Die großen historischenBeispiele günstiger Rassenkreuzung liegen hier: die Mischung der olivenbraunen, mon-goloiden Malaycn mit den negerartigen, schwarzen Papuas hat die kräftigen melane-sischen Völker, die der Türken mit Tataren und Kaukasiern den kriegstüchtigcn Osmanen-stamm, die von Negern und Arabern im nördlichen Afrika Völker geschaffen, die weitüber den Negern stehen. Im Großrnssen ist mongolisches, im Norddeutschen slavisches,im Nordsrauzosen deutsches Blut und nicht zu ihrem Schaden; im Engländer habenkeltische und nordgermanische Eleniente eine Hcrrschcrnation von seltener Kraft nndFähigkeit erzeugt. Immer darf auch für diese Mischungen nicht übersehen werden,daß der ausgeglichene neue Völkertypus erst das Werk von vielen Generationen war,daß lange große Schwierigkeiten, häßliche Zwittererscheinungen, schwere Kämpfe dengünstigen Folgen vorausgingen.