Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
182
Einzelbild herunterladen
 

182

Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Auffassung über die Pflicht des Staates, sich darum zu kümmern, auch bei uns ein-getreten. Aber diese bessere Einsicht ist noch nicht über die Kinderjahre hinaus.

Über die zahlenmäßige Bedeutung der Auswanderung hat man sich oft deshalbgetäuscht, weil man sah, daß sie für gewöhnlich nur die natürliche Zunahme von814°/vo auf 48°/oo ermäßige; man hat dann auch betont, sie habe nach ihrenHöhepunkten 1850S5 (100162 000 im Jahre) und 188090 (100203 000) raschwieder abgenommen; man hat auch gesagt, sie entlaste die heimische Bevölkerung nur,wenn sie vorübergehend in größtem Maßstabe gelänge; wo sie dauernd platzgreife,erzeuge sie eher eine weitere Zunahme der Bevölkerung. Das sind lauter partielle Wahr-heiten, die aber den Kern der Sache nicht treffen. Das Wesentliche liegt doch im folgenden.

Der große Wanderprozeß hat es in unseren Tagen dahin gebracht, daß 1890nicht 9, sondern 90 Mill. Menschen europäischer Rasse außerhalb Europas leben; 1990werden es mindestens 4500 Mill. sein. Die Nationen mit Auswanderung sind diekräftigen und gesunden, die auswärts steigenden. Hübbe-Schleiden prophezeit, daß 1980gegen 900 Mill. Anglosachsen (Engländer und Amerikaner), gegen 300 Mill. Russenund gegen 150 Mill. Deutsche die Erde bewohnen werden. Leroy-Beaulieu meint, ineinigen hundert Jahren würden Chinesen, Russen und Angelsachsen je 3 500, dieDeutschen 200 Mill. Menschen ausmachen, alle anderen, mehr stillstehenden, nichtwandernden Völker zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt sein. Die Zukunft der Völker,ihre Macht und ihr Wohlstand hängt so nicht allein, aber mit von ihrer Wander-,Kolonisations- und Kultivationsfähigkeit ab.

75. Das Bevölkerungsproblem und die Wege seiner Lösung:o) die Verdichtung. Schluß. Die Hemmungen und die Wanderungen greifenbedeutungsvoll in die Vevölkerungszunahme und -Bewegung ein. Aber die wichtigsteFrage für ein rafch wachfendes Volk bleibt stets doch, ob und in wie weit, unter welchenBedingungen es im eigenen Gebiete wachsen könne. Die Verdichtung der Bevölkerungist das natürliche Ergebnis gesunder Zustände, wie es die Voraussetzung der höherenKultur ist. Aber darin liegt nun eben die Eigentümlichkeit des Bevölkerungsproblems,man möchte sagen seine Tragik, daß einerseits die stärksten menschlichen Triebe, dasElternglück, die Staats-, Wirtschafts- und Machtinteressen, auf diese Verdichtung immerhindrängen, und andererseits die Erreichung des Zieles dasselbe wieder bedroht, d. h.die erheblich verdichtete Bevölkerung unter den hergebrachten Lebensbedingungen nichtmehr existieren kann, ohne zu Not, Mangel und Elend zu führen. Jedes Maß derDichtigkeit setzt eine bestimmte Technik und Organisation des Wirtschaftslebens, bestimmteSitten und Moralregeln, bestimmte Gesellschaftseinrichtungen voraus, welche für diedoppelt so große Bevölkerung unzureichend, unmöglich, ja tödlich sind.

Bleiben wir aber zunächst bei einer Prüfung der Statistik. Die Dichtigkeit derBevölkerung wird am besten in der Weise gemessen, daß man die gezählte Volksmengemit der Fläche vergleicht, berechnet, wie viel Menschen aus die Geviertmeile oder denGeviertkilometer im Durchschnitt eines Gebietes kommen. Die erstere Berechnung warsrüher allgemein üblich, die letztere ist heute bei uns im Brauch und hier von unsgemeint, wenn wir nichts beifügen; 1000 Seelen auf die Geviertmeile sind gleich 17,7auf den Gcviertkilometcr. Man muß zur Vergleichung analoge Gebietsabschnitte voneiniger Größe auswählen: ganze Staaten, Provinzen, Bezirke, höchstens Kreise; je kleinerdie gewählten Gebiete, desto zufälliger ist der Durchschnitt. Alle Bevölkerung muß schondurch Stadt und Land sehr ungleich verteilt sein; diesen Unterschied der Verteilungbesprechen wir unten bei der Siedlung; die gewöhnliche Erörterung der Dichtigkeit siehtdavon ab; es interessiert sie nicht, daß im Centrum Berlins 32 00054 000, in Branden-burg ohne Berlin 64 Seelen aus den Geviertkilometer kommen; sür sie hat die ganzeProvinz heute durchschnittlich 103 Seelen. Man muß sich nur bewußt bleiben, daß auchabgesehen vom Gegensatz von Stadt und Land die Dichtigkeit in jedem Lande nach natür-lichen und kulturell-historischen Verhältnissen sehr verschieden ist, daß, je größere Gebieteman zur Darstellung wählt, desto verschiedenere Zustände im Durchschnitt aus einenmittleren Zahlenausdruck gebracht sind, der vielleicht in Wahrheit nirgends oder nur an