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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
und Eisenbahnen, um die moderne Verkehrs-, Geld- und Kreditwirtschaft, so sind alleStationen auf diesem Wege sehr schwer zurückzulegen, weil nicht nur ein Teil, sonderndas ganze Gefüge der Volkswirtschaft ein anderes werden muß. Man konnte sagen, jederSchritt auf dieser Bahn hänge von schwer erfüllbaren Bedingungen ab, sei nur den hoch-stehenden Rassen und Völkern auf deu Höhepunkten ihrer Kultur gelungen, es sei anderenVölkern stets sehr schwer gefallen, diese Vorbilder nachzuahmen. Noch mehr als jederagrarische hing jeder dieser Fortschritte von den kompliziertesten psychologischen, mora-lischen und politischen Vorbedingungen ab. Die Ausbreitung städtischer Kultur, späterder Hausindustrie, vollends des Fabrikwesens war mit socialen und institutionellenUmwälzungen der tiefgreifendsten Art verknüpft. Wenn ein Land heute, um die doppelteZahl zu ernähren, seinen Export an Fabrikware ausdehnen, zum erheblichen Teile vonsremdem Getreide leben will, so muß die Staatsorganisation, das Verhältnis zumAuslande, die eigene und die Macht der anderen Staaten, kurz so vieles glücklichzusammenwirken, daß das Problem nur unter den günstigsten Bedingungen wenigenStaaten gelingt. Es wird damit ein Zustand geschaffen, der nur unter bestimmteninternationalen und weltwirtschaftlichen Bedingungen sich erhalten kann; werden nämlichdurch ihn im Fabrik- und Exportgebiete Bevölkerungen von 8 — 15 000 Seelen proGeviertmeile unterhalten, so setzt das doch die politische und wirtschaftliche Abhängig-keit von oder die völkerrechtliche Befreundung mit 19—100 mal so großen Gebieten mit1—3000 Seelen voraus; und der Zustand ist bedroht, wenn in den abhängigen Ge-bieten die Gewerbe sich entwickeln, die dortige Rohstoffexportfähigkeit abnimmt.
Es ist also eine gänzliche Täuschung, wenn die Optimisten auf das eine Prozentder Erdoberfläche mit 8000 Seelen und mehr hinweisen und sagen, die übrigen 99 Prozentder Erde sollten das nachmachen. Ein bedeutender Teil der Kulturländer läßt schon heutekeine Vermehrung der Bevölkerung um 100—200 °/v mehr zu, wenn nicht die Technik unslehrt, Brot und Fleisch chemisch, statt aus dem Umwege durch die Landwirtschaft herzustellen.Für viele Gebiete ist allerdings ohne solche Wunder eine erhebliche weitere Zunahmemöglich. Aber wir müssen uns klar sein, daß sie, wie die meisten alten Verdichtungen,von komplizierten, selten vorhandenen Voraussetzungen abhängig ist. Sind doch histo-risch die Epochen und die Völker, denen das gelang, nicht sehr zahlreich: die Zeit dergriechischen, römischen und germanischen inneren Kolonisation, die Epochen der großen,gut regierten Reiche im Orient, die Zeit des Hellenismus, die Blütezeit der Romanenund der Araber und endlich die der europäischen Staaten der letzten Jahrhunderte.Nur den sähigsten Völkern unter den besten Regierungen gelang so zeitweise eine großeVerdichtung: seltene intellektuelle und technische Fortschritte, eine außerordentliche Steige-rung der socialen Zucht, der Verträglichkeit und Moralität, ohne die das engere Zu-sammenrücken und Zusammenwirken unmöglich war, eine große Vervollkommnung derGescllschaftscinrichtungen mußten sich die Hand reichen, um die Verdichtung gelingenzu lassen, ohne daß Armut und Mißbehagen, schwerer Druck auf die mittleren undunteren Klassen, kurz alle Leiden der Übervölkerung daraus entsprangen.
Gelungene Verdichtung der Bevölkerung ist das Resultat vollendetster Staatskunstund höchster Kultur, und zwar nicht bloß technischer, sondern ebenso moralischer undgeistiger, und nicht bloß einer hohen Kultur der sührenden Spitzen, sondern ganzerVölker. Die Menschheit hat wahrscheinlich Hunderttausende von Jahren gebraucht, bissie zur Zeit vor Christi Geburt 100—200, jetzt 1500 Millionen Menschen zählte. Werwill Wagen zu sagen, in kurzer Zeit müßte es ihr gelingen, 6000 und 12 000 zuumfassen und immer weiter ohne Schwierigkeiten zu wachfen? —
Wir werden auch nach dem vorstehenden gerne zugeben können, daß es eineabsolute Übervölkerung Wohl weder früher gegeben hat, noch heute giebt, sosern wirdarunter nur eine Bevölkerung verstehen, die auch bei vollendetster und rasch fortschreitenderTechnik, Verkehrsentwickelung, Kolonisation, Moral- und Gesellschaftsverfassung nicht dieMöglichkeit hätte, auf ihrem Gebiete zu leben. Diese Voraussetzungen waren sast nie odernur fehr selten vorhanden. Die praktische Frage ist wesentlich die, ob eine relativeÜbervölkerung vorhanden sei oder drohe, d. h. eine solche Dichtigkeit, welche gegenüber den