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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Vor uns steht, noch daß bci der großen Kompliziertheit der technischen Vorgänge, beider Selbständigkeit der Entwickelung einzelner Teile der Technik ihre fortschreitendeGesamterscheinung ganz übereinstimmende Züge zeigt.
Wir haben einleitend die bisherigen Versuche einer Einteilung des historischenEntwickelungsganges der Technik erwähnt, sie dann im einzelnen teilweise kritisiert, teil-weise werden wir darauf zurückkommen. Wir wollen hier nicht versuchen, aus unseremMaterial nun ein neues historisch-technisches Schema der Entwickelung aufzustellen; wirglauben mit unserer historischen Erzählung und den von uns gebrauchten Bezeichnungender einzelnen Epochen dem wissenschaftlichen Bedürfnisse, soweit es heute erfüllbar ist,Genüge gethan zu haben. Ohne konstruierende Gewaltthätigkeit ist heute nichts mehrzu geben.
Nur darüber möchten wir noch ein Wort sagen, daß natürlich die einzelnenElemente der Technik einer Zeit zwar in Wechselwirkung stehen, daß aber diese je nachVerkehr und Intelligenz, Volkscharakter und Klassenordnung eine sehr verschiedene ist.Die Technik der Ernährung, des Hausbaues, der Waffen ist überall von Klima undBoden mit abhängig. Viele Völker machen einzelne technische Fortschritte, ohne dieentsprechenden, anderwärts hiermit zusammenhängenden zu vollziehen. Nicht alle Völkermit Töpferei, mit Pfeil und Bogen, mit bestimmtem Hack-, Acker- oder Hausbau habenim übrigen die gleiche Technik. Die verschiedenen Stufen des Ackerbau-, Hirten- undGewerbelcbens haben häufig, aber keineswegs immer, die Kriegstechnik in gleicher Weisebeeinflußt. Die Technik des Geldverkehrs hat häufig bestimmte Folgen durch die ganzeVolkswirtschaft hindurch gehabt. Aber alle diese Zusammenhänge sind sehr kompliziert,in ihrer Wirksamkeit so vielfach beschränkt, daß die Aufstellung fchematischer Reihensehr schwierig ist. Aus einigen bekannten technischen Elementen einer Zeit und eines Volkesdie übrigen unbekannten abzuleiten, ist immer nur in beschränktem Maße möglich. Nochviel weniger freilich ist die Ableitung der geistig moralischen Eigenschaften der Menschenund der gesamten Institutionen eines Volkes aus seiner Technik allein angängig.
Und nun noch ein letztes Wort über die auch von uns, im Anschluß an dengewöhnlichen wissenschaftlichen Sprachgebrauch benutzten Begriffe der Halb- und Ganz-kulturvölker, welche in Gegensatz zu den primitiven, den Naturvölkern, wilden undBarbarenvölkern gestellt werden.
Mit dem sehr allgemeinen Worte „Kultur" hat der Sprachgenius sich einen Begriffgebildet, der ganz absichtlich halb technisch und wirtschaftlich, halb moralisch und politischist. Mit dem Wort „Kulturvolk" wollen wir einerseits eine Stufe der Technik uud derdurch sie bedingten Wirtschaft, andererseits eine gewisse Höhe des geistig-moralischenLebens und der politischen Institutionen bezeichnen. Nur seßhaften Völkern von einergewissen Größe, mit Ackerbau, Städten und Gewerben, mit einer ausgebildeten Haus-wirtschaft und einer bereits selbständig gewordenen Gemeinde- oder Staatswirtschaft,geben wir das auszeichnende Prädikat der Kultur; aber auch nur, wenn ihnen die geistigenVoraussetzungen dieser technischen Erfolge, die Anfänge der Schrift, der Zahlen, des Maß-und Gewichtswefens in Fleisch und Blut übergegangen sind, und wenn sie zugleich durchhöhere Religionssysteme, durch Sitte und Recht, durch eine ausgebildete Regierung zu einemgeordneten komplizierten Gesellschaftszustand gekommen sind. Wir teilen sie in Halb-und Ganzkulturvölker ein und verstehen unter den ersteren die kleineren, älteren Völkerdieser Art, deren geistig-moralisches Leben noch tiefer steht, die noch despotischen Gewaltenunterworfen sind, keine seste Sphäre persönlicher Freiheit kennen. Die Griechen mitihren Werkzeugen, wie die heutigen Europäer mit ihren Maschinen rechnen wir zu denKulturvölkern und im Gegensatz hiezu die Völker des asiatischen Altertums, die heutigenJapaner, die Peruaner und Mexikaner des 16. Jahrhunderts zu den Halbkulturvölkern.