Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Die Epochen der Technik und der Volkswirtschaft.

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mit hoher Technik wirtschaftlich zurückgingen, von technisch tiefer stehenden überholt, javernichtet wurden; Völker, die ohne gleich hohe Technik wie andere, sie an geistiger,sittlicher und socialer Kultur übertrafen, Völker, die auch wirtschaftlich durch größerenFleiß, bessere sociale und politische Organisation vorankamen, ohne in der gleichenZeit erhebliche technische Fortschritte zu machen.

Den Beweis sür die zuerst genannte allgemeine Wahrheit des Zusammenhangeshaben wir in unseren ganzen historisch-technischen Ausführungen geliefert. Die Benützungdes Feuers, die Zähmung des Viehes, die Erfindung der Werkzeuge, der Bau vonWohnungen, vollends die moderne Maschine, die heutige Präcisionstechnik sind Stationenauf einer ansteigenden Erziehungsbahn, welche den Menschen immer besser versorgten,ihn aber auch denken, beobachten, die Zukunft beherrschen lehrten. Mit der höherenTechnik allein wurden zugleich die größeren, komplizierteren arbeitsgetcilten socialenKörper möglich. Die Organisation derselben aber, die Pflichten der einzelnen in ihnenwaren immer schwer zu finden. Und deshalb die Möglichkeit der sittlichen Ent-artung bei jedem großen technischen Fortschritt, deshalb die große Frage, ob sofort oderüberhaupt allein mit der besseren Technik und dem größeren Wohlstand die vollendeteregesellschaftliche Organisation gelinge.

Im ganzen waren gewiß die Völker mit höherer Technik nicht bloß die reicheren,sondern auch die herrschenden, die siegreich sich ausbreitenden. Und zwar umsomchr, jelangsamer srüher die Fortschritte der einzelnen sich ans andere übertrugen. Die heutigeAusgleichung der Technik zwischen fast allen Völkern und Rassen wird schneller gehenals je früher. Ob sie einzelnen der heute in erster Linie stehenden Völker ihren Primatentreißt, ob bei der Konkurrenz und dem Ausgleichungsprozesse viele der unentwickeltenRassen und Völker durch die unvermittelte Berührung mit hoher Technik leiden oder garzu Grunde gehen, ist schwer sicher zu prophezeien. Die höhere Technik und der größereWohlstand, die zunehmenden Genüsse sind etwas, was erst in langer sittlicher Schulungan der Hand bestimmter moralisch-politischer Gesellschaftseinrichtungen ohne Schadenerträglich und segensreich wird.

Als alleinige Ursache der volkswirtschaftlichen Organisation, der jeweiligen wirt-schastlichen Zustände und Institutionen wird kein geschichtlich Unterrichteter die Technikund ihren jeweiligen Stand hinstellen wollen. Sie bildet nur ein sehr wichtigesMittelglied zwischen den zwei Hauptreihen der volkswirtschastlichcn Ursachen, den reinnatürlichen (Klima, physiologische Menschennatur, Flora, Fauna !c.) und den geistig-moralischen. Die drei Gruppen von Ursachen beeinflussen sich gegenseitig, aber keinebeherrscht ganz die andere. Es giebt kein höheres geistiges Leben ohne technische Ent-wickelung, aber auch keine höhere Technik ohne geistige und moralische Fortschritte,größeres Nachdenken, bessere Selbstbeherrschung.

Die volkswirtschaftliche Organisation in Familien, Gemeinden, Staaten, Unter-nehmungen, die sociale Klassenbildung und Arbeitsteilung ist von der Technik in gewissengroben Umrissen der Struktur stets bedingt. Ackerbauer und Nomaden sind notwendigverschieden organisiert; die ältere Ackerbau- und Handwerkstechnik hat die Bauern- undHandwerkswirtschaft, die Maschinenwirtschaft den Großbetrieb, die heutige Verkehrs-technik große Märkte und Staaten geschaffen; aber keine dieser technischen Ursachen hatdie Rasseneigenschasten der Menschen, ihre sittlichen Ideale, ihre Institutionen alleingeordnet, beeinflußt, gestaltet, sondern nur in Verbindung mit ebenso starken, selbständigdaneben stehenden psychischen Ursachen das einzelne der praktisch historischen Aus-gestaltung bestimmt. Wie könnte sonst dieselbe oder eine ganz ähnliche Technik jederzeitso verschiedene Volkswirtschaften erzeugt haben? Daß dem so sei, haben wir an ver-schiedenen Stellen gezeigt.

Darum wird aber auch der Stufengang der Technik nicht allein ausreichen, umals das allein herrschende Entwickelungsgesetz des volkswirtschaftlichen Lebens zu dienen,obwohl in gewissem beschränkten Sinne die Stusen der Technik zugleich gewiß Stusendes volkswirtschaftlichen Lebens sind. Es kommt sür unser heutiges Urteil hinzu, daßder Stufengang der technischen Entwickelung heute weder schon ganz klar wissenschaftlich

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