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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Aller Fortschritt der Technik bedeutet Umwege, größere Vorbereitung, Zeit undMühe kostende Mittelglieder zwischen Absicht und Erfolg, bedeutet Vermehrung desäußeren wirtschastlicheu Apparates, der Kapitalauswendung. Es fragt sich immer, ob derAufwand dem größeren und besseren Resultate entspricht, ob nicht die kompliziertereMethode zu viel Reibung verursacht, ein zu schwieriges, hemmendes Zusammenwirken vielerPersonen zur selben Zeit oder nacheinander erfordert. Es muß immer die verbessertetechnische Methode mit ganz besonderem Glück und Geschick erfunden sein, wenn sie dieseHemmnisse überwinden, wenn der Erfolg dem Aufwande entsprechen soll. Aus jederStufe der Kultur giebt es viele technische Verbesserungen, die wegen ihrer Kosten, ihresKapital- oder Personcnerfordernisses, ihres zu komplizierten socialen Mechanismus un-ausführbar sind. Überall wird ein Teil des wirtschaftlichen Erfolges der höheren Technikdurch den steigend schwerfälligen Apparat aufgehoben. Freilich ist dies in verschiedenemMaße je nach den Gebieten und Stufen der Technik der Fall. Jedenfalls, wo dievermehrte oder verbesserte Produktion erheblichen natürlichen Widerständen begegnet,durch physiologische, chemische, physikalische Grenzen eingeengt ist, wie in der Landwirt-schaft, ist der Fortschritt der Technik ein doppelt schwieriger, von bestimmten Bedingungenabhängiger. Die Ersetzung der wilden Feldgraswirtschaft durch die Dreifelderwirtschaft,dieser durch den Fruchtwechsel ist nur möglich, wenn die erzeugten Früchte sehr vielteurer geworden sind, Klima und Boden relativ günstig sich gestalten, Kapital undArbeit relativ billig sind. Aber in gewissem Maße ist jeder technische Fortschritt soökonomisch bedingt durch die jeweiligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse.Die einfache, primitive Wirtschaft verträgt nur einfache, direkt wirkende technische Mittel.Nur die höhere Kultur verträgt die Kosten, die komplizierten Mittel und den schwerengesellschaftlichen Apparat der höheren Technik.
Wegen des steigenden Kapitalerfordernisses der höheren Technik identifiziert Böhm-Bawerk kapitalistische und moderne Maschinenproduktion. Und man ist ihm darinvielfach gefolgt. Ebenso wichtig ist die zeitliche Auseinanderlegung der wirtschaftlichenProzesse durch alle höhere Technik. Die primitive Wirtschaft kennt nur eine Thätigkeitvon heute auf morgen; die ältere Landwirtschaft rechnet mit 2—4 Monaten von derSaat bis zur Ernte, die neuere mit 9—1V Monaten. Die höhere gewerbliche Produktionsertigt Vorräte für Monate und Jahre, sie fügt immer mehr neben die Anstalten, diefertige Waren liefern, solche, welche Zwischenprodukte, Rohstoffe, Werkzeuge und Maschinenherstellen. Die Linien zwischen Produktion und Konsumtion werden zeitlich und geographischimmer länger und komplizierter, wie wir schon erwähnten. Daher aber auch die steigendegesellschaftliche Kompliziertheit jeder technisch höher stehenden Volkswirtschaft, diezunehmende Vergesellschaftung, die Notwendigkeit gewisser centralcr beherrschender Mittel-punkte und Direktionen. Ebenso auch die unendliche Steigerung in der Schwierigkeitder einheitlichen gleichmäßigen Vorwärtsbewegung, der Lenkung aller Wirtschaftsprozesse.Und endlich die leichte Möglichkeit der Störung, das häufige Vorkommen von Mangelund Überfluß der Güter an einzelnen Stellen, zu bestimmter Zeit; Mißstände, welche nurdurch Fortschritte der Organisation und der Menschen zu überwinden sind, welche dentechnischen Fortschritten die Wage halten oder sie übertreffen.
Nur klügere, umsichtigere Menschen, ein ganz anderes gegenseitiges Wissen um dieZusammenhänge, eine viel vollendetere sociale Zucht, ganz anders ausgebildete socialeInstinkte und moralisch-politische Institutionen können die Reibungen und Schwierig,leiten einer hohen Technik überwinden.
Von hier aus verstehen wir aber auch erst den scheinbaren Widerspruch, daß einer-seits die höhere Technik die Voraussetzung aller höheren Kultur überhaupt ist, undandererseits doch die höhere Technik weder stets mit höherer Kultur parallel geht,noch stets gesunde volkswirtschaftliche und moralisch-politische Institutionen erzeugt.
Vollendetere Technik, höheres Wirtschaftsleben, und höhere Kultur erscheinen bisauf einen gewissen Grad, vor allem bei einem großen Überblick über die Weltgeschichte, alssich begleitende bedingende Erscheinungen. Aber im einzelnen sällt doch entfernt nichtjeder Schritt der einen Reihe mit jedem der anderen zusammen. Es giebt Völker, die