Allgemeine Würdigung des Majchincnzeitaltrrs.
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sociale Züge, je nach Rasse, Geschichte, Volksgeist, überlieferter Vermögens- und Ein<kommensverteilung, je nach den verschiedenen Institutionen.
Wohlstand und Lebenshaltung ist allerwärts außerordentlich gestiegen; aber inden einzelnen Ländern nehmen daran die verschiedenen Klassen sehr verschieden teil.Auch ist Vermehrung und Verbilligung der Produktion in den einzelnen wirtschaftlichenZweigen eine fehr verschiedene; in Gewerbe und Verkehr liegen, wie wir sahen, dieGlanzseiten. Allgemeiner aber sind die Wirkungen auf vermehrte Berührung allerMenschen, auf größere Kenntnisse, gestiegene Beweglichkeit. Die feineren Lebensgenüssesind allgemein gewachsen, das Leben ist im ganzen verschönert, ästhetisch gehoben. Ebensoist alles Wirtschaftsleben, auch das im Hause, auf dem Bauernhofe, rationalisiert, istvon naturwissenschaftlichen Kenntnissen mehr beherrscht, ist rühriger, energischer geworden;es ist freilich auch unendlich komplizierter geworden, ist durch die Verknüpfung mit an-deren Wirtschaften von Gesamtursachen abhängiger, leichter gestört, von Krisen leichterheimgesucht. Indem man immer mehr für die Zukunft, für die Ferne produziert, istIrrtum leichter möglich. Aber dafür hat man größere Vorräte, welche besseren Aus-gleich zwischen verschiedenen Orten und Zeiten gestatten. Man wird über Not, Krisen,Störungen im ganzen doch besser Herr als früher. Je höher die Technik steigt, destomehr kann sie den Zusall beherrschen. Alle fortschreitende Technik stellt Siege des Geistesüber die Natur dar.
Aber aller Fortschritt in der Naturbeherrschung ist nur dauernd von Segen, wennder Mensch sich selbst beherrscht, wenn die Gesellschaft die neue revolutionierte Gestaltungdes Wirtschaftslebens nach den ewigen sittlichen Idealen zu ordnen weiß. Daran fehltes noch. Unvermittelt steht das Alte und das Neue nebeneinander; alles gärt undbrodelt; die alten Ordnungen lösen sich auf, die neuen sind noch nicht gefunden. DerFleiß, die Arbeitsamkeit sind außerordentlich gestiegen, aber auch der Erwerbstrieb, dieHastigkcit, die Habsucht, die Genußsucht, die Neigung den Konkurrenten tot zu schlagen,die Frivolität, das cynische, materialistische Leben in den Tag hinein. Vornehme Ge-sinnung, religiöser Sinn, feines Empfinden ist bei den führenden wirtschaftlichen Kreisennicht im Fortschritt. Das innere Glück ist weder bei den Reichen durch ihren maßlosenGenuß, noch bei dem Mittelstande und den Armen, die jenen ihren Luxus neiden,entsprechend gestiegen. Ein großer Techniker selbst konnte vor einigen Jahren unsereüberstolze Zeit mit den nicht unwahren Worten charakterisieren: „Genußmenschen ohneLiebe und Fachmenschen ohne Geist, dies Nichts bildet sich ein, auf einer in der Geschichteunerreichten Höhe der Menschheit zu stehen!"
Immer ist ihm zu erwidern: alles wahre menschliche Glück liegt in dem Gleich-gewicht zwischen den Trieben und den Idealen, zwischen den Hoffnungen und der prak-tischen Möglichkeit der Befriedigung. Eine gärende Zeit materiellen Aufschwunges,gestiegenen Luxus', zunehmender Bedürfnisse, welche das Lebensideal bescheidener Genüg-samkeit und innerlicher Durchbildung hinter das thatkräftiger Selbstbehauptung zurück-gestellt hat, muß eine geringere Zahl glücklicher und harmonischer Menschen haben.Aber es wird nicht ausschließen, daß eine künftige beruhigtere Zeit auf Grund dertechnischen Fortschritte doch mehr subjektives Glücksgefühl erzeuge» wird. Und in Bezugauf die Gesellschaft möchte ich sagen: sie baue sich mit der neuen Technik ein neues,unendlich besseres Wohnhaus, habe aber die neuen sittlichen Lebensordnungen sür dierichtige Benutzung desselben noch nicht gefunden; das sei die große Aufgabe deiGegenwart. Und, möchte ich beifügen: wir müssen heute neben den technischen Bau-meistern den Männern danken und ihnen folgen, die uns lehren, den technischen Fort-schritt richtig im sittlichen Geiste, im Gesamtinteresse aller zu nützen!
86. Schlußergebnisse. Liegt in der vorstehenden Würdigung des Maschinen-zeitalters schon gewissermaßen eine solche der technischen Entwickelung im ganzen, so sinddoch noch einige ergänzende Schlußworte über das Verhältnis von Technik und Volks-wirtschaft überhaupt und über ihre Beziehungen zum geistig-moralischen Leben, sowiezu den volkswirtschaftlichen Institutionen hinzuzufügen.
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. I. 15