Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
299
Einzelbild herunterladen
 

Würdigung der Stadtwirtschaft. Entstehung der Territorial- und Volkswirtschaft. 299

Schon in den etwas größeren Stadtstaaten des Altertumes, dann in den Klein-und Territorialstaaten der neueren Zeit bis zu 3V und 50 000 Gevicrtkilometern, biszu 1^500 000 Seelen, vollends in den neueren Großstaaten mit ihren weiten Flächenund Millionen Menschen, ihren verschiedenen Landcsteilcn, kennen sich die Menschennicht mehr alle persönlich; die Gegenden, die Klassen, die einzelnen Familien undVollends die Geschäfte und Geschästsgruppen stehen sich mit ihren wirtschaftlichen Sonder-interessen ganz anders gegenüber; der selbstsüchtige Erwerbstricb spielt in der arbeits-teiligen Gesellschaft nun eine ganz andere Rolle. Und wenn auch bald das lebendige,besonders zu gewisser Zeit die Massen stark beherrschende Nationalgesühl, die gemeinsameLitteratur und Geschichte, der steigende materielle und geistige Verkehr wieder neuesympathische Bindemittel erzeugen, wenn die Einsicht in den Wert der gemeinsamenStaats-, Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen nach und nach wächst, so sind die Boraus-setzungen für das gemeinsame wirtschaftliche Leben in diesen viel größeren socialen Körperndoch ganz andere, kompliziertere, schwieriger herzustellende. Die Macht- und Zwangs-organisation der Centralgewalt muß daher viel größer und stärker sein, zumal wo kräftigeGemeingefühle und die Einsicht in die Gesamtinteressen sehlen. Und doch muß den ein-zelnen Familien, Individuen, Unternehmungen, den untergeordneten Gebietskörperschaftcnein gewisser Spielraum freier Bethätigung eingeräumt werden, sonst versiegt die srischeSpannkraft, die Freude am eigenen Thun und Vorwärtskommen, alles Selbstgefühl.Mag daraus Selbstsucht, Hader, Jnteressenkonflikt und Kampf aller Art entstehen, dasmuß in Kauf genommen, durch gewisse feste Rechtsschrankcn gebändigt, durch gemeinsameöffentliche Einrichtungen überwunden werden. Die getrennten, verselbständigten Elementemüssen in höherer Form wieder vereinigt werden. Aber das ist nicht leicht, ist nurdurch schwerfällige, leicht falsch wirkende Institutionen möglich. Jedenfalls aber sindauf die einfachen alten genossenschaftlichen Sympathien Wohl kleine sociale Körper vonDutzenden und Hunderten, aber nie solche von Millionen zu begründen. Die Wirtschaftder Staaten muß eine andere viel stärkere Organisation, andere gröbere Züge an sichtragen als die der älteren kleinen socialen Gebilde; sie muß ganz anders auf Machtund Zwang sich stützen können.

In der Ausbildung dieser großen wirtschaftlichen Organisation der neuen Zeitwerden wir unterscheiden können: 1. die territoriale Zeit, wobei es sich um Kleinstaatenhandelt; sie reicht sür fast ganz Europa bis ins 16. und 17. Jahrhundert, sür einenTeil Deutschlands, sür ganz Italien und die Schweiz bis über die Mitte unseres Jahr-hunderts; 2. die Bildung der großen, meist nationalen Staaten und Volkswirtschaften,die vom 16.19. Jahrhundert hauptsächlich durch den ausgeklärten Despotismus undseine merkantilistischen Maßregeln hergestellt werden; 3. die Vollendung dieses Prozesseswird von den konstitutionellen und absoluten Staatsgewalten unseres Jahrhunderts über-nommen, wobei es sich darum handelt, das Übermaß centralistischer Leitung des Wirt-schaftslebens zu beseitigen, Gemeinde, Unternehmung nnd Individuum wieder freierenSpielraum einzuräumen, die nationale, wirtschaftliche Abschließung nach außen zuermäßigen oder zu beseitigen; es ist eine Bewegung, die 17831840 beginnt, von dabis 1875 siegt, teilweise bereits übers Ziel hinausschießt. Seither hat nun eine neue,vierte Epoche begonnen: die Weltwirtschaft greift immer mächtiger in die einzelnenVolkswirtschaften ein; die längst vorhandenen Tendenzen nach Welthandel-Herrschaft undKolonialerwcrbung schaffen einige weit über die Größe der bisherigen Nationalstaatenhinausgehende wirtschaftliche Weltreiche, in denen neue Abschließungstcndcnzcn entstehen.Innerhalb der Staaten machen sich die centralen Wirtschaftsaufgaben wieder mehrgeltend, die zugespitzten Klassengegensätze und -kämpfe machen eine Wirtschasts- undSocialpolitik nötig, welche eine Versöhnung der merkantilistisch -centralistischen und derindividualistisch-liberalen Tendenzen darstellt; das Anwachsen der centralisicrtcn Groß-betriebe und Kartelle bedeutet technischen und organisatorischen wirtschaftlichen Fortschritt,steigert aber die Kämpfe und bedroht teilweise die Staatsgewalt und die übrige Gesell-schaft mit Abhängigkeit; es erwachsen aus all' dem neue Formen des volkswirtschaftlichen,weltwirtschaftlichen und finanziellen Lebens.