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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Heute besteht in den meisten Staaten ein kompliziertes System von Steuern;einzelne sind gebührenartig, andere verbinden sich mit Staatsgewerben und ihrem Monopol,werden in dem erhöhten Preise z. B. des Tabaks, der Eisenbahntarife der Staatsbahnenerhoben. Daneben unterscheidet man die indirekten Steuern, welche, wie Zölle, Ver-brauchs-, Aufwandsteuern, Steuern von der Bier-, Wein-, Branntwein-, Zuckerproduktion,von einem Verkaufsgeschüfte, einem Produzenten oder Händler mit der Absicht erhobenwerden, daß er sie auf den Konsumenten überwälze, und die direkten (Vermögens-, Ein-kommen-, Personen-, Ertrags-, Grund-, Häuser-, Gewerbesteuern), welche der Inhabereines Einkommens oder Besitzes direkt zahlt und tragen soll.
Der größte Fortschritt im Steuerwcsen neben der Ausbildung des staatsrechtlichenStcuerhoheits- und des verfassungsmäßigen Steuerbewilligungsrechtes war der von denPhysiokraten uud Ad. Smith begründete Gedanke, daß übermäßige und ungerechteSteuern die Volkswirtschaft bedrohen, daß eine starke und reiche Regierung nur durchStärkung der Steuerkraft der Unterthanen herzustellen sei. Bisher hatte man Steuernerhoben, wo und wie es ging, wo man Geld fand oder zu finden glaubte. Nun erstbegann die Forderung einer gerechten Besteuerung, ein Versuch, die Leistungsfähigkeitzur Grundlage der gewöhnlichen Steuern zu machen, bei allen Steuern die volkswirt-schaftlichen und socialen Nebenresultate im Auge zu behalten, die Anforderungen derpraktischen Steuertechnik in richtige Verbindung mit den allgemeinen politischen undrechtlichen Anforderungen der Steuerpolitik zu bringen, die Reichs-, Staats- und Kom-munalsteuern richtig gegen einander abzugrenzen, die Gesamtsumme der Steuern immerzu vergleichen mit dem Einkommen des Volkes und mit den Leistungen, die durch sieerreicht werden.
In sehr vielen und zwar den vorangcschrittensten Staaten sind die Steuernheute fo zur hauptsächlichen Staatseinnahme geworden. Die Steuer und das Steuer-system jedes Staates ist damit zugleich zu einem wichtigen Elemente der Volkswirtschaftgeworden. Einmal dadurch, daß ihr Ergebnis, die Steuereinnahme, die ganze Staats-verwaltung und so indirekt alles wirtschaftliche Leben ermöglicht. Die Steuer entziehtden Privatwirtschaften bestimmte Mittel, macht sie um so viel ärmer, aber sie giebt sieihnen durch die Leistungen der Staatsverwaltung zurück, stützt und fördert sie; natürlichin dem Maße, wie letztere richtig verfährt. Außerdem aber üben alle Steuern und dasSteuersystem durch die Art der Anlage die bedeutsamsten Wirkungen auf das wirtschaft-liche Leben im einzelnen aus. Die Zölle und indirekten Steuern wollen indirekt bestimmteProduktionen und Handelsgeschäfte fördern oder erschweren; auch wo sie nicht diese Absichthaben, thun sie es. Die direkten Steuern haben teilweise ähnliche Wirkungen; sie habenallerwärts die Feststellung der Reinerträge und des Einkommens herbeigeführt; sie treffendie verschiedenen Klassen nie ganz gleich. Alle Steueranlage wird von den Klassen-interesscn der Herrschenden beeinflußt; eine gerechte Regierung wird das zu vermeidensuchen, es ist aber nie ganz möglich. Die Steuergesetzgebung bleibt immer bis aus einengewissen Grad ein Instrument der Einkommensverteilung. Man spricht heute von einerkommenden Epoche der socialen Steuergerechtigkeit.
Die Entwickelung der Steuer ist ein Teil der Entwickelungsgeschichte des Staatesin seinem Verhältnis zur Gesellschaft, zu den Jndividualintcressen. Indem das Geld-steuersystem sich ausbildete, konnte der Staatshaushalt und das privatwirtschastlicheLeben sich selbständig, je nach ihren besonderen Tendenzen ausbilden; aber beide Teile desnationalen Lebens blieben durch die Steuern, ihre Bewilligung, ihre Anlage doch inengster Verbindung. Mit den Steuern hat sich die individuelle wirtschaftliche Freiheitund doch zugleich die moderne staatswirtschaftliche und sociale Fürsorge der Regierungsür alles Wirtschaftsleben entwickelt.
Die Steuern können in einem Staate mit größerem Staatseigentume undzunehmenden Staatsgewerben geringer sein als in einem anderen; verschwinden könntensie nur in einem socialistischen Staate, der zugleich die individuelle wirtschaftliche Frei-heit, die Unternehmung, die privatwirtschaftliche Preis- und Gewinnbildung aufhöbe.